Zum zweiten Mal wird für 1991/92 der »Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene« vergeben. Aus 700 eingesandten Beiträgen wählte die Jury Texte von 3 Autorinnen und 14 Autoren aus.
Fesselballon
edition villon im Daedalus Verlag, Münster 1992.
ISBN: 3-89126-804-1
Vorwort S.7
Klaus Altenburg S.13
Ein Brief gegen die Angst
Karin Amann S.18
Der Besuch
Antikies S.20
Die Augen des Drachen
Andreas Backes S.27
Shalimar
Knut Braun S.34
Ich vegetiere auf 7,4 qm
Ralf Dembski S.36
Der Stuhl
Heinz Günther Funk S.43
Für Silberdistel
Heinz Günther Funk S.50
Es ist 3.00 Uhr nachts
Klaus Hess S.53
Die Brennende Spur seiner Blicke auf meiner Haut
Roland Hörnig S.59
Sebastian
Norbert Jeschke S.63
Wie immer
Peter Lerch S.70
Braun
Markus Meyer S.78
18 Tage … Ein Leben lang
Peter Plate S.87
Voodoo
Radio Gitterwelle S.90
Ich fastein nix!
Stephan Wilms S.93
Schmerzen ohne Liebe
Schaufenster S.95
Gefangenengruppe Schattengewächs der JVA Wuppertal S.117
Fesselballon. Ein Hörspiel
Heinz-Werner Geisenberger S.136
Neues aus dem Knast. Ein Hörspiel
Aus Briefen der Preisträger S.152
Autoren S.156
Teilnehmerliste S.162
Die Jury S.164
Ausschreibung 1993 S.166
“Der Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene wird nach 1989 zum zweiten Mal verliehen. Zum einen sollen, so die Zielsetzung des Preises, Inhaftierte motiviert und unterstützt werden, ihre Situation literarisch zu verarbeiten. Zum anderen soll den Texten von Gefangenen mehr Öffentlichkeit verschafft und damit eine kritische Auseinandersetzung mit dem bundesdeutschen Strafvollzug gefördert werden. Wer kennt schon die Situation der Gefangenen hinter den Mauern, die Wirkung des Strafvollzugs auf die einzelnen Gefangenen, wer hört ihnen zu und liest ihre Texte, in denen die alltägliche Gefängnissituation so authentisch wie nirgends sonst erfahrbar ist? Ingeborg Drewitz (1923 - 1985) besaß die Gabe und Geduld, den Gefangenen zuzuhören, ihre Texte zu lesen, mit ihnen in ein Gespräch zu kommen. Sie nahm sich trotz ihrer vielfältigen Engagements die Zeit, den Gefangenen beim Schreiben und Publizieren zur Seite zu stehen.
Die vorliegende Anthologie enthält 18 Texte von 14 Autoren und 3 Autorinnen (das Hörspiel „Fesselballon“ entstand als Kollektivarbeit), die von der Jury als besonders wertvoll befunden wurden. Insgesamt haben sich an dem Preis 192 AutorInnen mit über 700 Texten beteiligt. Erstmals konnten auch Gefangene der ehemaligen DDR miteinbezogen werden. Auch diesmal verlief die Ausschreibung des Preises nicht ohne Probleme. Uns ist bekannt geworden, daß in einer Reihe von Gefängnissen die Ausschreibungstexte durch die Anstaltsleitung nicht weitergereicht, die Plakate nicht aufgehängt worden sind. Ob dies am bürokratischen Schlendrian oder an der Angst vor einer kritischen Öffentlichkeit liegt, ist im einzelnen schwer zu entscheiden. Wenn trotzdem eine so große Anzahl von Texten eingegangen ist, zeugt das von einem beträchtlichen Interesse der Gefangenen. Es ist nicht zuletzt der große seelische Druck, oft auch die Verzweiflung, durch die sich Gefangene - sehr häufig noch ohne jede Schreiberfahrung - zum Schreiben gedrängt fühlen. Hilfreich waren bei der Verbreitung der Ausschreibung die Redaktionen der Gefangenzeitungen, von denen es in Deutschland gegenwärtig ungefähr 40 gibt, und eine Reihe von Gruppen und Einzelpersonen, die sich für die Gefangenen engagieren.
Das Thema der Ausschreibung lautete Beziehungen. Zur Erläuterung hieß es: »Gemeint sind Beziehungen nach drinnen und draußen, zu Beamten und Gefangenen, amtliche und persönliche, Zerstörung von Beziehungen, Liebe, Sexualität, Freundschaft.. Zu all diesen Stichworten finden sich in den Texten dieser Anthologie fikitve oder dokumentarische Schilderungen. Sie sind durchgängig getragen vom Tenor der Klage und Anklage. Es bleibt den Leserinnen überlassen, sich im einzelnen ein Bild von der Gefängnisrealität heutzutage und ihrer Wirkung auf die Inhaftierten zu machen. Aber es läßt sich nicht übersehen, daß diese Realität - durchgängig auch in den vielen hundert Texten, die leider nicht abgedruckt werden konnten - der Idee einer humanen Gesellschaft hohn lacht.
Wenn vom Absterben der Gefühle, verkrüppelten Seelen, der Zerstörung des Ich, von Angst und Verfolgungswahn,der existentiellen Resignation bis zu Suizidgedanken die Rede ist und noch in der humoristischen Beschreibung der Zellenmaus die Traurigkeit der Vereinsamung durchscheint, ist dies eine Wirkung des gegenwärtigen Strafvollzugs, die dem erklärten Ziel des Strafvollzugsgesetzes widerspricht: die Gefangenen werden lebensuntauglich gemacht, statt dazu befähigt, in der gesellschaftlichen Realität Fuß zu fassen. Es stellt sich gewiß die Frage nach der Schuld der Gefangenen, aber es stellt sich nicht minder die Frage nach der Schuld und nach der Verantwortung für die strukturelle Inhumanität des Strafvollzuges. Teils scheint die konkrete Vollzugspraxis gesetzeswidrig zu sein, teils ist die schlechte Praxis im Gesetz bereits fixiert. Wenn es, um ein Beispiel zu nennen, im § 24 des Strafvollzugsgesetzes heißt, die Gesamtdauer des Besuchs im Monat (l) betrage mindestens eine(!) Stunde, so bedeutet dies bereits die gesetzliche Zerstörung jeder sinnvollen Kommunikation. Nicht zufällig behandeln mehrere der prämierten Texte das Thema Besuch.
Wenn die meisten Texte die Misere des Strafvollzugs aufdecken und beklagen, so gibt es doch auch kleine Beispiele des Widerstandes. Schreiben selbst ist bereits eine Form, sich gegen die Zerstörung der Person zu stellen. Gleichwohl gibt es bewußte Formen des Protestes und praktischen Widerstehens, der Auseinandersetzung und aktiven Umgestaltung des Gefängnisalltages, als dies in den leiseren Texten dieses Wettbewerbs sichtbar wird. Es ist vorgesehen, dies zum Thema der nächsten Ausschreibung zu machen.
Die Jury hat es angesichts der Art der Texte als sehr schwierig empfunden, exakte Beurteilungskriterien zu definieren. Auf der einen Seite ist der Ingeborg-Drewitz-Preis ein Literaturpreis, der sich insofern an literarischen Kriterien (was immer dies heißt) orientiert. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von Texten, die jenseits spezifischer Literazität durch ihre Authentizität außerordentlich beeindrucken. Letztere sind die für das Schreiben von Gefangenen sogar typischeren Texte. Die Jury hat, obschon prinzipiell auf die Förderung literarischen Schreibens bedacht, neben dem Kriterium der literarischen Qualität auch das der Authentizität gelten lassen. Die Schwierigkeit der Maßstabsbildung scheint im Genre der Gefangenenliteratur begründet zu sein.
Die Gattungsfrage war in der Ausschreibung offen gelassen, von der Tagebuchnotiz, der Reportage, der realistischen oder phantastischen Erzählung, der Satire und dem Brief bis zum Hörspiel entfaltet sich eine breite Palette unterschiedlicher Formen. Gedichte von herausragender Qualität waren - im Unterschied zu letzten Preisvergabe - diesmal nur wenige zu finden. Da es grundsätzlich auch sehr gute Lyrik von Gefangenen zur Thematik gibt, haben wir ein »Schaufenster« eingerichtet, in dem solche Texte außerhalb des lngeborg-Drewitz-Preises - zur Information der Öffentlichkeit und zur Anregung für schreibende Gefangene - abgedruckt sind.
Die Preisverleihung findet unter der Schirmherrschaft von Friedrich Magirius (Superintendent der Nicolaikirche, Stadtpräsident von Leipzig) und Hans Schwier (Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen) zu Anfang des Jahres 1992 in Dortmund statt. Zu hoffen ist, daß alle Preisträgerinnen die Genehmigung ihrer Anstaltsleitung zur Teilnahme erhalten. Sie war bei der letzten Preisverleihung bayrischen Preisträgerinnen verwehrt worden. Mindestens in einem Gefängnis wurde dort auch die Aushändigung der Anthologie “Risse im Fegefeuer” (Reiner Padligur Verlag) an einen Preisträger verweigert.”