Niergends findet man das Innenleben der Gefangenen und die Wirklichkeit der Gefängnisse so authentisch und intensiv dargestellt wie in ihren eigenen literarischen und dokumentarischen Texten.
Die Texte dieser Anthologie sind ausgezeichnet worden mit dem
Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene 2014/15.
Das Motto der Ausschreibung “Gemeinsam einsam” hat die Autoren und
Autorinnen zu sehr persönlichen Texten inspiriert, die oft genug auch
die Frage nach dem Sinn einer Strafe enthalten, die so fundamental das
Ziel der Besserung und Hilfe zur sozialen Wiedereingliederung in die
Gesellschaft verfehlt.
Da sitzen die Jungs und Mädels und schreiben. Sie sitzen im Knast und sitzen beim Schreiben, doppelte Anstrengung. Und nun, vielleicht erstmals, läuft das Herz über, der Kopf leer und die Gefühle rein ins leere Blatt. Sie spüren Freude, Anstrengung, Zweifel und machen doch weiter. Genau das ist es, was wichtig ist und was, ehrlich gesagt, den Anstaltsleitungen auch Angst macht. Natürlich verkünden sie, dass sie es gerne sehen, wenn die Gefangenen sich beschäftigen, wenn sie schreiben … , aber sind das nicht nur Lippenbekenntnisse? Tatsächlich ist die Mauer um den Knast nicht nur da, Fluchten zu verhindern, sondern auch, um keinen reinschauen zu lassen. Und da sind natürlich schreibende Gefangene ein großes Risiko. Denn, wer schreibt, möchte auch gerne, dass gelesen wird, genau das, was sie geschrieben haben. Und genau das fürchten die Verantwortlichen im Justizvollzug und handeln. Repressive Toleranz nennt sich das. “Ist ja alles ganz schön, aber … ” Ob sie damit jemanden beeindrucken oder nicht, bleibt dahin gestellt. Die meisten jedenfalls schreiben weiter und lassen weder äußere noch innere Zensur zu. Richtig, denn: Wer schreibt, der bleibt! Nicht im Knast, wie böse Zungen den Reim fortsetzen, sondern auf dem richtigen Weg. Wir wollen sie lesen, die Geschichten der Menschen, die eine große Leidens- und Lebenserfahrung haben, etwas, wofür sie andere Autoren glühend beneiden, die alles nur erfinden, bestenfalls recherchieren müssen. Kreativ schreiben kann man lernen, nicht aber Inhalte erfassen mit einer Ikonographie, die nur der haben kann, der vieles erlebt und noch mehr erfahren hat. Also WEITERSCHREIBEN!
Die Hitze ist unerträglich. Ruben sitzt nackt und nach Atem ringend in
der nur einen Quadratmeter großen Zelle des dunkelgrünen
Gefangenentransportbusses. Die Innentemperatur beträgt gut und gerne
vierzig Grad. Die Belüftung ist gleich null. Jedes Mal wenn der Bus
hält, stellt der Dachventilator seinen Dienst ein und ein Hitzeschock
überfallt Ruben wie ein Aufguss in der Sauna. Schweiß läuft in Bächen
an ihm herab, sammelt sich in der hölzernen Sitzschale und reizt mit
seinem Salzgehalt Anus und Geschlechtsteile. Ruben denkt an
Ziegenberg. das kleine Hochsicherheitsgefängnis. sein Ziel fLir heute
und die nächsten sieben Jahre.
“Mein Ziel”, denkt er, “war es wirklich mein Ziel?”
Er hat schon Einiges hinter sich, der kleine, rundliche Jude mit dem
deutschen Fremdenpass. aber sieben Jahre am Stück sind verdammt viel,
besonders in seinem Alter. Insgesamt hat Ruben zwar schon acht Jahre
in Haft verbracht - die drei Jahre als Kind im KZ nicht mitgerechnet -
doch er hat sich immer noch nicht daran gewöhnt. “Sieben Jahre, sieben
Jahre”, hämmert es in seinem Kopf und auch das Datum seiner
Entlassung. ,,1995, 1995, 1995”, eingestanzt wie in den Sockel seines
eigenen Denkmals.
Am Morgen war die Welt noch in Ordnung gewesen, so gegen sechs Uhr,
als er sein Frühstück im Untersuchungsgefängnis einnahm. Aber dann,
zehn Minuten später, waren sie hereingestürmt, zu dritt. Ruhen kannte
keinen von ihnen, seine Abteilungsbeamten waren nicht dabei. In ihren
Augen fand er nur gelangweilte Neugier auf seine Reaktion, als sie
befahlen: “Sämtliche Sachen packen, sie gehen gleich auf Transport.”
Er hätte es gerne für einen Scherz gehalten, doch er wusste, sie
machten keine Scherze. Allenfalls ein Irrtum konnte es sein. Ja,
Irrtümer begingen sie viele. “Aber wieso denn? Wohin? Ich bin doch
noch Untersuchungsgefangener.” Zwei der Beamten waren in seine Zelle
getreten, sahen sich um, blickten auf den Aktenberg. den Ruben auf die
l leizung gestapelt hatte, sahen aufs und unters Bett. Einer öffnete
den Spind. Sie taten, als interessiere sie nicht, was der Dritte, der
in der Tür stehen geblieben war, mitzuteilen hatte.
“Sie sind Strafgefangener. Ihre Revision wurde verworfen. !lier ist
der Beschluss des Bundesgerichtshofes.” Der Wärter trat drei Schritte
auf Ruben zu, der immer noch vor seinem Margarinebrot saß, und legte
den grünen Umschlag neben das Brotbrettchen. Ruben nahm ihn in die
zitternde Hand, sah auf den Eingangsstempel. Der 4. Juli stand darauf.
Vorgestern. Die drei verließen die Zelle, ließen die Tür
sperrangelweit offen stehen, einer rief noch: “Beeilung, packen Sie,
in zehn Minuten geht’s zur Kleiderkammer!” Ruben öffnete den Brief
nicht. Er kannte die Formulierung. “Meinen Anwalt”, dachte er
erschrocken, “ich muss meinen Anwalt informieren, telefonieren,
sofort.” Doch dann wurden seine Gedanken ruhiger. Der Anwalt weiß es
längst, die Anwälte wissen alles längst vor den Gefangenen. Der
Feigling hat sich nur nicht hergetraut, nach den vielen
Versprechungen, die er für gutes Geld gemacht hat. “Aber warum gibt
man mir den Brief erst heute?” Ruben wusste nichts von der Anordnung,
Revisionsablehnungen, die das Ende aller Instanzenwege und auch aller
Hoffnungen sind, möglichst schonend, unter Hinzuziehung des
Psychologen oder Pfarrers zu überreichen, keinesfalls abends, so dass
der Betroffene die nächsten Stunden unter Aufsicht bleiben kann. Hier
war es ganz geschickt geschehen. Sie hatten den Brief zwei Tage lang
nicht ausgehändigt, in einer Stunde würde er im Bus nach Ziegenberg
sitzen. Sollte er, wenn er wollte, dort seine Pulsadern öffnen.
Dann hatten andere die Schweinerei am frühen Morgen: die Leiche
entfernen, das Blut aufwischen, das oft bis zur Decke spritzt und im
Essgeschirr auf dem Tisch eine zentimeterdicke Geleeschicht bildet.
Ruben hatte zu packen begonnen.
Jetzt sitzt er im Bus und ringt nach Atem. Ab und zu hebt er seinen
Körper, bis die Augen in Höhe der schmalen Sehschlitze sind. “Immer
noch auf der Autobahn”, denkt er. Er ist müde. Einzuschlafen traut er
sich nicht. Bei jedem Bremsmanöver fällt er nach vom, muss sich mit
der Hand an der Kabinenwand abstützen. Gedanken an einen Unfall oder
gar einen Brand verdrängt er. “Hier käme sowieso keiner lebend
raus.”
Der Bus verlässt die Autobahn, fährt durch eine waldreiche
Hügelgegend. Hier bauen die Deutschen ihre Knäste am liebsten”, denkt
er. “Weitab vom Schuss, damit niemand sehen kann, was darin wirklich
geschieht. Umgeben von Bauern, denen die Gefangenen als billige
Hilfskräfte überlassen werden. Bauern, die, angereizt durch eine
Einfangprämie. mit Hunden, Knüppeln und Mistgabeln Jagd auf entwichene
Gefangene machen.” Ruben seufzt. ” Hoffentlich lässt es sich in
Ziegenberg aushalten.”
Der erste Eindruck ist deprimierend. Der Bus fährt in die Schleuse.
Hoch oben auf den Mauerkronen sieht Ruben in Meterabständen weiße
Püppchen, dazwischen Draht, darunter Warnschilder: “Achtung
Lebensgefahr Hochspannung”. Ruben verlässt die Kleiderkammer, hält
sein Bündel in der Hand. “Bekomme ich eine Einzelzelle?”
“Witzbold. Wir sind voll bis unters Dach. Einzelzellen nur für
Lebenslängliche.” “Wie sieht’s aus mit Arbeit?”
“Sind Sie Koch, Metzger, Bäcker, Schlosser oder Schreiner?”
“Nein.” “Was denn?” “Kaufmann.”
“Keine Arbeit für Ungelernte da. Fünfzig Prozent der Leute im Haus
sind arbeitslos.”
” Und Weiterbildung? Ich würd’ gern Französisch lernen oder die
mittlere Reife machen.”
“Dieses Jahr nicht mehr. Schreiben Sie nächstes Frühjahr einen
Rapportschein an den Oberlehrer.”
Er muss die Zelle mit einem Türken teilen. Ruben hat nichts gegen
Kemal, aber auf Jahre hinaus wird er es mit ihm nicht aushalten. Ruben
ist 56 Jahre alt, lebenserfahren, ruhig, nachgiebig.
Kemal ist sechsundzwanzig. Er spricht kaum deutsch. Stundenlang steht
er vor dem Spiegel, wäscht und kämmt sich, bestäubt sich mit etlichen
Duftwässerchen, als ginge er gleich aus. Danach kriecht er ins Bett
und onaniert. Täglich zweimal. “Wenn er so seine zehn Jahre rumkriegt,
ohne durchzudrehen, meinetwegen”, denkt Ruben. Neun Quadratmeter
Zelle, ein Spind, ein Spiegel, ein Waschbecken, ein Abort, zwei
Betten, zwei Menschen, zwei Welten. Es gibt kein Auskommen, aber auch
kein Entkommen. ,,Ja, in Manchem hat man es als Mörder leichter”,
glaubt er.
Er denkt an Selbstmord, doch die Gedanken halten nur bis zum zweiten
Samstag. Da geht Ruben in die Bibliothek.
Die Bibliothek wird von einem älteren, herrischen Gefangenen
verwaltet, vor dem selbst Vollzugsbedienstete strammzustehen scheinen.
Ruben erstarrt. Er glaubt sich zu täuschen, dreht ab, sucht in den
Regalwänden herum, doch seine Finger zittern, seine Augen nehmen die
Titel nicht wahr. Er dreht sich um, schaut zum Schreibtisch, wo der
Mann sitzt. “Er ist es!”, ist sich Ruben sicher. Der Mann benutzt noch
dasselbe Gesicht wie vor filnfunddreißig Jahren, auch wenn’s durch die
verlebten Jahre aussieht wie zerknittertes Butterbrotpapier. Aber er
ist sich treu geblieben: Schulze, SS-Obersturmführer Schulze, einer
der Peiniger aus Rubens Kindertagen und mitverantwortlich für den Tod
von Rubens Eltern. “Richtig”, erinnert Ruben sich jetzt, “in den
Spät-Sechzigern, als ich in Israel lebte, hab ich doch irgendwas
gelesen. Dass man ihn in Österreich enttarnt und verhaftet hat. Dass
er verurteilt wurde.” Ruben steht immer noch an der gleichen Stelle,
sieht Schulze unverwandt an und erkennt: “Da hat sich nichts
geändert!” Stolz erhebt sich Schulze vom Schreibtisch und schnarrt mit
fester Kommandostimme:
“Dass mir jeder die Bücher wieder an ihren Platz zurückstellt, sonst
gibt’s ,ne Büchersperre!” Und die Uniformierten nicken dazu beifällig.
Jawoll, gut so, der hat alles im Griff.
Ruben leiht kein Buch aus. Er geht zurück in seine Zelle, legt sich
aufs Bett, starrt das ganze Wochenende über an die Decke. Er weint.
“Ich kann nicht mit diesem Mann unter einem Dach leben, ich kann
nicht. Montag muss ich zum Direktor, ich muss in eine andere Anstalt,
ich halt das nicht aus.” Ruben weiß um die Schwierigkeit, beim
Anstaltsleiter vorgelassen zu werden. Er kennt die
Schneckengeschwindigkeit des normalen Dienstweges. Einen Rapportzettel
hat er zu schreiben mit dem Wunsch, dem Anstaltsleiter vorgeführt zu
werden. Daraufhin wird ihn zunächst der Abteilungsbeamte fragen, was
er denn wolle. Einen Tag später wird der Flügelbeamte kommen und
fragen, was er vom Direktor wolle. Einen weiteren Tag später - die
Rede ist von Wochentagen, Wochenenden sind ausgeklammert - wird ihn
der Inspektor fragen, danach der Amtmann und dann, dann vielleicht
lässt ihn der Anstaltsleiter holen. Dienstweg, Dauer: Vierzehn
Tage!
“Ich muss sofort zu ihm”, denkt Ruben und weiß den Weg.
Montagmorgen teilt er dem Abteilungsbeamten mit, dass er, Ruben,
Selbstmord begehen werde, wenn er nicht noch am Vormittag dem
Anstaltsleiter vorgeführt werde. Es klappt. Ruben trägt sein Anliegen
vor. Der Direktor geht mcht darauf em, fragt Ihn nach seiner
Selbstmorddrohung. Ruben trägt sein Anliegen vor. Der Direktor fragt
ihn wieder nach seiner Selbstmorddrohung. Ruben trägt erneut sein
Anliegen vor. Der Direktor reagiert mit Unverständnis. “Schulze?
Schulze tut niemandem mehr etwas. Er ist schon sechzehn Jahre in
unserem Hause und hat sich tadellos geführt. Er wird sicher in diesem
oder im nächsten Jahr entlassen. Eine Verlegung ist unmöglich. Laut
Vollstreckungsplan sind Sie für meine Anstalt zuständig.
Abgelehnt.”
Ruben versteht nicht. Auch er wird nach dieser Strafe fast sechzehn
Jahre verbüßt haben.
Sechzehn Jahre für ein paar mehr oder weniger einträgliche
Betrügereien. Gleichgesetzt mit einem Massenmörder!
Ruben grübelt. Er konzentriert alle seine Gefühle auf diesen Mann,
entwickelt eine wahnsinnige Wut.
Kemal. Der Zellengenosse ist vergessen.
Wie im Traum verbringt Ruben seine Tage. Dann fangt er an, sein
Buttermesser an einem Tellerrand so lange zu schleifen, bis es spitz
und scharf ist. Es ist eine Geduld aufreibende Arbeit, sie dauert
Stunden, Tage. Dabei wandern seine Gedanken die Pfade seiner Jahre
zurück. Sein schon durch die Geburt in diesem Lande verpfuschtes Leben
liegt wie eine oft geknickte, veraltete Landkarte vor ihm. Als Kind
kannte er nur Angst und Hunger, lernte Überleben und Weglaufen.
Erwachsenenleben. Eine Kindheit oder Jugend hat er nie erlebt. Alle
späteren Versuche, das Versäumte nachzuholen, hatten nur wieder zu
noch schwereren Repressionen geführt. Aber nichts im Leben hat ihn
noch schrecken können. So alt, wie er als Zwölfjähriger im KZ war,
würde er nie mehr werden.
Und nun saß einer dieser Männer, die die Weichen für seinen
hürdenreichen Lebenslauf - oder war es mehr ein Lauf ums Leben? -
gestellt hatten, hier, wenige Meter von ihm entfernt. Schicksal?
Bestimmung?
Ruben schaut auf den Teller, auf das Messer.
Er prüft die Schneide, fahrt sich vorsichtig über den Unterarm.
Der Flaum bleibt auf der Klinge.
“Ich tu’s, dann gibt’s auch eine Einzelzelle!”
Er lässt Wasser über den Tellerrand laufen, benetzt die Klinge und
schleift weiter.
“Ich tu’s nicht, ich bin kein Mörder.”
“Ich tu’s doch!”
Am nächsten Samstag geht Ruben in die Bibliothek, das Messer in der
Hosentasche verborgen.
Er tut’s nicht.
Er weint vor Wut über sich selbst, sein Unvermögen, seine Feigheit.
Er schleift weiter sein Messer, Tag für Tag.
Am nächsten Samstag bringt er es wieder nicht.
Ruben hat bis heute keine Einzelzelle.
Der Text wurde bei der ersten Preisverleihung mit dem
Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene ausgezeichnet.
abgedruckt in der Anthologie .”Risse im Fegefeuer”. Reiner Padligur
Verlag. Hagen 1989.
25 Jahre Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene Helmut H. Koch Die Benennung des Literaturpreises für Gefangene nach der Schriftstellerin Ingeborg Drewitz verdeutlicht sehr gut den Charakter des Preises. Ingeborg Drewitz engagierte sich neben ihren vielen literarischen Tätigkeiten unermüdlich und über ihre Kräfte hinaus für Künstler und Schriftsteller in Problemsituationen, für Menschen am Rande, darunter in besonderer Weise für die Gefangenen. Sie half ihnen in der Not, unterstützte ihr Schreiben, half den gefangenen Frauen in Schwäbisch Gmünd bei der Gründung der Gefangenenzeitung “Weiße Frau”, der ersten von weiblichen Gefangenen herausgegebenen Gefangenenzeitung im deutschen Strafvollzug, gab Anthologien mit Gefangenenliteratur heraus, auch die Dokumentation eines Briefverkehrs von ihr mit einem Gefangenen. Sie sah die Entwicklung des Strafvollzugs im Kontext der demokratischen, sozialen, humanen Defizite der Gesellschaft, machte auch keinen Hehl daraus, wie schwer jede wirkliche Veränderung wäre. Aber Resignation war keine Alternative für sie: .Daran liegt mir viel. Weg von der Resignation, die jeden von uns als Lebensfrage von Anfang an begleitet.”
Eine solche Zielsetzung von literarischer und gesellschaftlicher Arbeit spiegelte sich auch in der Zusammensetzung der Gründergemeinschaft des Preises. Die Initiative ging von der Gefangeneninitiative Dortmund aus. Sie hatte den Zusammenhang von sozialer Arbeit mit Gefangenen und der Bedeutung des Schreibens (und Lesens) erkannt. Hinzu gesellten sich das Strafvollzugsarchiv Bremen und die Dokumentationsstelle Gefangenenliteratur an der Uni Münster, so dass der Preis getragen wurde von Gruppierungen, die schwerpunktmäßig die Aspekte sozialer Arbeit, Recht und Literatur verkörperten und eine Einschränkung des Interesses auf eine rein ästhetische Betrachtungsweise vermieden. Einerseits, so ist die Zielsetzung des Preises, sollen die Gefangenen motiviert und unterstützt werden, ihre Situation literarisch zu verarbeiten. Andererseits soll den Texten mehr Öffentlichkeit verschafft und damit eine kritische Auseinandersetzung mit dem Strafvollzug gefördert werden.
Besonders hervorzuheben ist als viertes Gründungsmitglied der Reiner PadIigur Verlag. Er war ein Verlag für Gefangenenliteratur, der von Gefangenen gegründet und betrieben wurde (mit formeller Unterstützung von außen). Er entstand auf Initiative der Redaktion der Gefangenenzeitung “Kuckucksei” (Schwerte), die mit ihrer Arbeit in der Gruppe ein doppeltes Ziel verfolgte. Auf der einen Seite sollte die Gruppe den Einzelnen Halt geben, um den destruktiven Wirkungen des Knastes zu widerstehen, also eine Art praktischer Selbsthilfegruppe bilden. Auf der andern Seite war ihnen auch das Schreiben (journalistisch und literarisch) wichtig, um sich persönlich mit der Knastsituation auseinander zu setzen und die Öffentlichkeit zu erreichen.
Die Mitwirkung dieses Verlages in der Trägerschaft des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises setzte ein Zeichen. Der Preis ist keiner, der von außen oder oben in patriarchaler Mitleidsgeste über die Gefangenen verfilgt. Er ist ein Preis, der gemeinsam von Menschen draußen und drinnen gegründet worden ist. Dieser Charakter ist, auch wenn der Verlag sich auf die Dauer nicht halten konnte, bis heute lebendig geblieben.
1989/90 erscheint die erste Anthologie, in der die prämierten Texte zusammengestellt sind. unter dem Titel ,,Risse im Fegefeuer” im Reiner Padligur Verlag. Sie sind von einer Jury ausgewählt, die zusammengesetzt war aus zwei Gefangenen, je einem Schriftsteller, einem Literaturwissenschaftier, einem und Literaturkritiker und einer Joumalistin und Gerichtsreporterin. In späteren Jahren waren in der Jury auch die Bereiche Pädagogik, Recht und Religion vertreten. Im Nachwort des Bandes erinnert Johann P. Tammen, Herausgeber der ,,horen”, einer der renommiertesten Zeitschriften für internationale Literatur, an Ingeborg Drewitz, mit der zusammen er verschiedentlich Gefangenenliteratur veröffentlicht hat, u.a. die Anthologie: “So wächst die Mauer zwischen Mensch und Mensch. Stimmen aus dem Knast”. Durch seine Tätigkeit in der Jury über mehrere Jahre hinweg war Ingeborg Drewitz in besonderer Weise gegenwärtig. Der Schriftsteller JosefReding berichtet in seinem Vorwort über die Arbeit der Jury. Diese arbeitet ohne ein Korsett von festen Kriterien. Es gibt Texte von beachtlicher literarischer Qualität. Es gibt andere Texte, die, ohne dass man sie der aktuellen ästhetischen Avantgarde zurechnen könnte, zutiefst beeindrucken, weil sie geprägt sind durch ein hohes Maß an Authentizität. Die Autoren und Autorinnen berichten sprachlich präzise und differenziert von ihren psychischen und sozialen Erfahrungen über eine draußen nicht vorstellbare Welt. Die Texte sind von dokumentarischer Qualität hinsichtlich der Darstellung der Knastwirklichkeit und des Innenlebens der Gefangenen.
Wenn ich jetzt, im Abstand von 25 Jahren, die Anthologie “Risse im
Fegefeuer” mit den prämierten Texten der ersten Preisverleihung des
Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene durchlese, berühren
mich diese, als wären die 25 Jahre nicht gewesen. Die Texte haben
nichts eingebüßt an Intensität und Aktualität.
Kaspar Zorn beschreibt den Verlust sinnlicher Erfahrung im Knast:
“Die Augen hatten sich längst an Grau und Stahl blank geschaut, den
Ohren war mit den Jahren verlorengegangen, wie Blätter rauschen,
Brandung gischtet, Kinder lachen. Selbst der Nase, die die
Erinnerungen am längsten bewahrt, waren die Gerüche eines Zuhauses
abhandengekommen, die eines warmen, lebendigen Körpers, und die Lippen
wussten schon lange nicht mehr den unvergleichlichen Geschmack der
Liebe. Einzig die drei Bilder auf dem schmalen Regal über dem Bett
waren geblieben.
Auf die Gefühle der Gefangenen, so die Gefangene K.A., wird mit
brutaler Sprachlosigkeit reagiert.
“gefühle/sehnsüchte/stauen sich im hals / schnüren die Kehle zu /
stumme schreie nach hilfe! bis hin / zur depression / oder auch
aggressivität / die dann ausbricht/ wie ein Vulkan / alles
überschwemmend / mit seiner /vernichtenden lava”.
Die psychische Vernichtung bringt Nobert Jeschke mit wenigen Worten
auf den Punkt:
“Ich fühle/wie ich vereise/bis auf die knochen hin”
Suizid ist ein auffällig häufiges Thema im Knast, so auch bei Axel
Simon:
“Draußen auf dem Gang hört Karl das Öffnen und hastige Schließen einer
Nachbarzelle, dabei ein knappes” Scheiße! H, gefolgt von dem
hektischen Rennen auf dem Gang und dem lauten Ruf” Cäsar 2. Hänger. H
Nach einer Weile rennen mehrere Schließer zu Mohameds Zelle. Sie
öffnen die Tür und von den scharrenden Geräuschen ahnt Karl, dass sie
erst jetzt den Gefangenen vom Fensterkreuz abnehmen.”
Und auch Peter Faust beschreibt die Depression und das Absinken eines
Gefangenen in den Tod.
“Wenn ich zur freistunde ging, klopfte ich an seine zellentür und
flüsterte ihm mutmachende Worte zu, aber flete hockte apathisch an
seinem tisch und starrte die wand an. ein paar Tage später schrillten
die Alarmglocken.
Die Intention seines Schreibens nennt Peter Faust am Ende seiner
Erzählung. “ich wünsche mir, dass fletes schicksal in meiner erzählung
alle richter und justizbediensteten zum nachdenken anregt.”
Die Darstellung und Infragestellung der Alltagsrealität ist das Thema
bei Harald A. Dreßler. Ziel seines Schreibens ist die Erstellung einer
Dokumentation für die Menschen draußen. Dies geschieht korrekt,
sachlich, aber es ist auch zutiefst geprägt von seiner persönlichen
Wahrnehmung der gefühllosen EntWÜrdigung des Gefangenen durch die
Bediensteten bei der Leibesvisite. “Dort muss ich mich entkleiden,
meine arschbacken muss ich mir im Bücken auseinander machen, meinen
hodensack muss ich hochheben, meine zehen muss ich einzeln auseinander
ziehen”.
Bei Dieter Jochum gleitet die realistische Alltagserzählung über in
die Realsatire ebenso in einem fiktiven BriefH. Morthels an den
Staatsanwalt. Thema ist die Deprivation der Sinne im
Sicherheitsbereich: “Man ist überwacht, beleuchtet, temperiert. Man
stumpft ab, wird apathisch und kriegt seine Gedanken nicht mehr in die
Reihe, und bald fängt man an, unter Migräne und Wahrnehmungsstörungen
zu leiden. “Bei Hubi Becker wird in einer langen Erzählung das Thema
“Transport” aufgegriffen, es entsteht in der Beschreibung der
verschiedenen Stationen der “Reise” in der grünen Minna ein Panorama
einer abstrusen, gnadenlosen Welt des Knastes.
Noch immer, mehr als vierzig Jahre nach dem 2.Weltkrieg, spielt die
deutsche Geschichte hinein in die Gegenwart des deutschen Gefängnisses
(1989), bildet in zwei Erzählungen sogar einen besonderen Schwerpunkt.
Reinhard Wenglers Erzählung beginnt mit den Worten: “Im Werkhof an der
Maschine stehend fallt sein Blick auf jenes Stück Mauer, vor dem die
Erschießungen stattfanden. ” Und es entstehen Assoziationen: “Der
Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch. “In Peter Zinglers
Erzählung” Das Wiedersehen” begegnet ein jüngerer jüdischer Gefangener
einem älteren Gefangenen, der die Bibliothek leitet. Es ist” Schulze.
SS-Obersturmfiihrer Schulze, einer der Peiniger aus Rubens Kindertagen
und mitverantwortlich fiir den Tod von Rubens Eltern. ” Der Antrag auf
Verlegung des jüdischen Gefangenen wird nicht gewährt, Schulze habe
sich in seinem Knastaufenthalt “tadellos” gefilhrt. Da lebt eine
schreckliche Vergangenheit an einem schrecklichen Ort weiter. Und da
sind es Gefangene, eine ausgegrenzte, verachtete Minderheit am Rande
der Gesellschaft, die darauf in großer politischer Wachheit und
sprachlicher Sensibilität hinweisen. Und ich füge hinzu: Es bis heute
tun, möglicherweise weil ihnen der schreibende Umgang mit Sprache die
Sinne geschärft und die Kraft dafür erhalten hat. Am Wochenende, an
dem ich diese Zeilen schreibe, 25 Jahre nach seiner Erzählung in der
Anthologie des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene ist der
große Zweiteiler von Peter Zingler ,,Die Himmelsleiter” zum Thema
Nachkriegszeit und Vergangenheitsbewältigung in der ARD gesendet
worden. Und vor wenigen Tagen erst habe ich einen Text ins Internet
gestellt, das mir nach einem Gespräch über die Unterstützung der
NSU-Mörder durch Gefangene und Bedienstete übergeben worden war: von
dem ehemaligen Gefangenen Hubi Becker, der, wie erwähnt, auch zu den
Preisträgern der ersten Stunde gehörte, das Schreiben nicht hat lassen
können, u.a. das Buch “Ritual Knast” geschrieben hat und gegenwärtig
Mitglied der Jury ist.
So zaghaft der Anfang war, die Texte der Gefangenen hatten Substanz,
Kraft und Sensibilität bei aller Bedrängnis, Verzweiflung und allem
Zorn in der unmenschlichen Situation der Entstehung. Wir waren uns
sicher, dass diese Literatur den Gefangenen gut tat, aber auch ihren
Platz in der Gesellschaft finden sollte, die so vielen Menschen am
Rande weh tut.
Dass das Interesse der Gefangenen am Schreiben und an der Teilnahme am
Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis nach wie vor sehr hoch ist,ja sogar
gestiegen zu sein scheint, lässt sich an Zahlen belegen. Während die
Teilnehmerzahl vor 25 Jahren bei knapp hundert lag, pegelte sie sich
später bei zweihundert ein, worin sich auch schon ein beachtliches
Interesse ausdrückte. Dieses Mal haben sich ca, 300 Bewerber
beteiligt, also ein Drittel mehr. Die Zahl der eingesandten Texte
belief sich, da viele Gefangene mehrere Texte eingereicht haben, auf
ca. 3000 im Umfang von 4500 Seiten. Für diese Zunahme der Beteiligung
mag es verschiedene Gründe gegeben haben. Ganz sicher hat dazu auch
das Motto der Ausschreibung “Gemeinsam einsam” beigetragen, das einem
Gedicht des früheren Preisträgers Hans Jörg Mäder entnommen ist und
vorab mit Gefangenen als mögliches Motto diskutiert worden war. Eine
Teilnehmerin schrieb von der “elektrisierenden” Wirkung des Wortspiels
“GemEinsam”. Mit dem Wort “einsam” war eine Grundbefindlichkeit der
Gefangenen in einem Gefängnissystem angesprochen, das von der
Architektur bis hin zu den kleinsten Regelungen des Haftalltags auf
Isolation angelegt ist. Darüber schreiben zu können, ist
offensichtlich ein großes Bedürfnis, ein Ausdruck der inneren Not, der
Verzweiflung, des Leids, der Trauer, von Aggressionen auch, der Suche
nach Trost und Hilfe, ein kathartischer Akt. Und es stellt sich die
Frage nach Gemeinsamkeit: Gibt es diese unter Hunderten von
Gefangenen? Warum so selten? Gibt es sie nach draußen, so fern der
Familie, so jahrelang getrennt, vielleicht für immer? Es sind
berührende Texte entstanden, schöne, melancholische, erschütternde,
schmerzliche, resignative Texte voller Sehnsucht und Liebe, Texte aber
auch voller Wut und Aggression.
“Ich wollte ursprünglich nicht, dass diese Zeilen gedruckt werden. Ich
musste mir das aber von der Seele schreiben.” Es gibt Autoren, die im
schriftstellerischen Bereich Fuß fassen wollen. Es sind die wenigsten,
und hier und da haben sie sogar Erfolg. Die meisten drängt es, sich
etwas “von der Seele zu schreiben”. Sie sind oft selbst verwundert
über den Impuls dazu, merken beim Schreiben den Sog des Schreibens,
sind überrascht darüber, was Schreiben für Wirkungen haben kann.
Oft sind die Autoren und Autorinnen recht unbeholfen gegenüber dem
Phänomen der Ausschreibung eines Literaturpreises. So heißt es in
einem Brief aus Stuttgart Stammheim: “Sehr geehrte Frau
Ingeborg-Drewitz Seit dem 17.April, sitze ich in Untersuchungshaft in
Stuttgart Stammheim und bin durch zufall auf ihren Plakat gestoßen.
Undfinde es schön das es überhaupt jemanden gibt, der unsre Geschichte
hören möchte da einem das ganze Leben in einer Sekunde weck gerissen
wird. H Es mag an Grammatik- und Rechtschreibkenntnissen, auch an
Kenntnissen des Literaturbetriebs fehlen, aber vorhanden ist das
Gefühl für Menschenwürde und der Wille zu überleben. “Ich habe ihre
anzeige gesehen und habe mich gefragt soll ich überhaupt schreiben?
Das bringt eh nichts, aber ich musste es loswerden den ich denke wenn
ein Mensch Schwach ist, dann nimmt er sich das leben hier “. Bei aller
Unbeholfenheit ist ein solcher Text ergreifend. Er ist geboren aus
innerer Not, er ist durchdrungen von einem Gefühl von Menschenwürde,
das der Justizbürokratie abgeht, er ist trotz sprachlicher Handicaps
von realistischer Konkretheit und Ehrlichkeit geprägt, ein Dokument
aus einer anderen Welt und dem Kampf, in dieser zu überleben. Es ist
dies kein untypischer Text. Es ist kein Text, der verdächtig für einen
Literaturpreis wäre. Und ist doch ein wichtiger, aufgrund seiner
Authentizität ergreifender Text. Es gibt viele solcher Texte, die uns
trotz aller Einfachheit, Unbeholfenheit und sprachlicher
Beschränkungen berühren und uns Menschen in existentiellen
Grenzsituationen zeigen, die eine eigene Stimme haben und sich zu Wort
melden. Wir müssen, wenn wir in der Anthologie die prämierten Texte
lesen, diese anderen Texte, d.h. neunzig Prozent der Einsendungen,
mitlesen, die von gleicher Authentizität und von gleichem
dokumentarischen Wert sind, denen es aber an der letzten Perfektion,
mit der Sprache umzugehen, fehlt. Es ist dann aber auch ein Glück,
dass aus der Masse dieser Texte eine ganze Reihe anderer herausragt,
die aufgrund ihrer sprachlichen und literarischen Qualität die inneren
Vorgänge und äußeren Beobachtungen noch ein Stück adäquater, komplexer
und differenzierter darstellen und für den Leser angenehmer
rezipierbar sind.
Was die Textformen betrifft, so findet sich auch in den Texten dieses
Durchgangs wieder eine große Vielfalt: Erfahrungsberichte,
autobiographische Erzählungen, Autobiographien, Briefkorrespondenzen,
Essays, fiktive Briefe, fragmentarische Notizen, etwa als Entwurf
eines Drehbuchs oder Zusammenfassungen von Romanen, Gedichte,
Collagen, Satiren auch, obschon wegen des literarischen Anspruchs
seltener. Es sind auch beträchtlich lange Texte eingereicht worden,
vollständige Romane, umfangreiche Dokumentationen von
Briefkorrespondenzen oder auch Gerichtsvorgängen. Am häufigsten finden
sich Erfahrungsberichte, autobiographische Erzählungen, fiktionale
Erzählungen mit erkennbar autobiographischem Hintergrund und Gedichte.
In den teilweise umfangreichen Autobiographien haben Gefangene die
Möglichkeit genutzt. ihr Leben zu rekonstruieren mit einem Blick in
die Zukunft.
Es spiegelt sich in dieser Vielfalt eine eindrucksvolle,
differenzierte, komplexe Wahrnehmung dieser uns so fremden Welt. Von
Gefangenen hört man häufig die Bemerkung: ” Was hier abgeht, kann
keiner verstehen, der es nicht selbst erlebt hat.” Das ist wohl so.
Aber die Qualität der Texte, ihre Sprache und Formenvielfalt nimmt uns
ein großes Stück mit. Und manchmal denke ich, dass ich, ihre Literatur
lesend, mehr begreife, als die Autoren und Autorinnen zu hoffen
wagen.
Interessant ist auch das kollektive Schreiben in Schreibgruppen. Teils
werden in den Gruppensitzungen selbst Texte geschrieben, ausgetauscht,
gelesen und diskutiert, teils werden sie in der Einsamkeit der Zelle
geschrieben und dann in der Gruppe gelesen. In jedem Fall finden neben
den Textbegegnungen Begegnungen der Schreibenden untereinander statt.
Das oft monologische Medium des Schreibens wird somit eingebettet in
eine dialogische Begegnung von Mensch zu Mensch. Ein Autor aus der
Schreibgruppe in Bamberg schreibt: “Die Zeit im Gefängnis war
zweifellos die schwerste in meinem Leben, aber dennoch gibt es schöne
Erinnerungen, die mir bleiben, vor allem die Schreibwerkstatt und den
engen Zusammenhalt unter den Häftlingen werde ich niemals
vergessen.”
Erwähnenswert ist auch eine Schreibgruppe von inhaftierten Frauen in
Gelsenkirchen. Es sind ausländische Frauen, die während des
Deutschkurses schreiben. “Das Schreiben der Gedichte und Texte fiel
uns teilweise sehr schwer, weil wir erst seit unserer Inhaftierung
begonnen haben die Deutsche Sprache zu erlernen H. Sie schreiben oft
nur kurze Texte, die aber sehr konzentriert auf ihre Situation
eingehen ” Wir haben uns mit Hilfe der Gedichte und Texte intensiv mit
unserem bisherigen Leben und mit der Zeit in der Justizvollzugsanstalt
auseinander gesetzt.”
Es haben diesmal sechs Schreibgruppen teilgenommen, mehr als früher.
Dennoch gibt es viel zu wenig solcher Gruppen. Nach meinen Recherchen
gibt es sie bundesweit nur in rund sieben Prozent der Anstalten,
obschon sich das Resozialisierungspotential von Schreiben und
Schreibgruppen nicht übersehen lässt.
Mit dem Rückblick auf 25 Jahre unserer Tätigkeit stellt sich die Frage, ob die Gefangenenliteratur nicht doch nur eine Wiederholung des immer Gleichen darstellt. Denn wenn ich oben die literarischen Texte der ersten Anthologie von 1989 angesprochen und daraus zitiert habe, so wirken sie, als seien sie gerade eben verfasst worden. Der Grund liegt darin, dass in ihnen ein Knast beschrieben wird, der sich bis heute, trotz aller Detailreformen, im Kern so gut wie nicht verändert hat und dessen Auswirkungen auf Leib und Seele der Gefangenen kein Stück an Humanität hinzugewonnen haben. Bestand hat nach wie vor die prophetische Einschätzung Michel Foucaults von der “Unerschütterlichkeit des Gefängnisses”. Die Redaktion der Gefangenenzeitung “der lichtblick”, der ältesten und auflagenstärksten deutschen Gefangenenzeitung, stellte kürzlich die gleiche Frage und untersuchte Ausgaben ihrer Zeitung aus den letzten dreieinhalb Jahrzehnten. Sie belegte anhand zahlreicher Zitate, dass Probleme, Darstellungen und Diskussionen sich praktisch nicht geändert hatten.
Im Rahmen der Verleihung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises 1992 habe ich eine längere Passage aus Kenny Bergers Erzählung “Das Milchgesicht” vorgelesen und das Publikum nach Besonderheiten des Textes gefragt. Es kamen Antworten zur Genauigkeit der Darstellung, zur sprachlichen Qualität, zu Wirkungen der Inhaftierung auf die Gefangenen und zur Betroffenheit der Zuhörer. Niemandem fiel auf (wie im Übrigen auch der Jury zunächst nicht), dass weite Textpassagen aus verschiedenen Erzählungen Wolfgang Borcherts, vor allem aus der Erzählung “Die Hundeblume”, entnommen waren, in der dieser seine eigenen Gefängniserfahrungen während seiner Inhaftierung im Dritten Reich verarbeitet hatte. Sieben Jahrzehnte Gefangenenliteratur, und die Texte lesen sich, als wären sie heute geschrieben. Deprimierend auf der einen Seite, aufrüttelnd auf der anderen. Und Grund genug, die Stimmen der Gefangenen immer wieder, ja eigentlich erst recht ernst zu nehmen.
Was sich geändert hat, sind allerdings Themen, die dem
gesellschaftlichen Umfeld geschuldet sind. Neu ist die Thematik des
Strafvollzugs in der DDR. Da das Schreiben im Knast unter den
Bedingungen der Diktatur praktisch (bis auf wenige riskante Ausnahmen)
nicht möglich war und eine Gefangenenliteratur nicht existierte, gab
es jetzt die Gelegenheit für ehemalige Gefangene, rückblickend ihre
Erfahrungen zu verarbeiten.
Neu war auch die Bearbeitung der Thematik sexueller Gewalt gegen
Kinder und Frauen, die seit den achtziger Jahren allmählich in das
Bewusstsein der Öffentlichkeit im Kontext der Frauenbewegung drang.
Lange hat es auch gedauert, bis die Behandlung von Flüchtlingen und
die Thematik der Abschiebehaft aufgegriffen wurden. Auch die Thematik
der Homosexualität, der Sexualität im Knast überhaupt wird nun stärker
auch Gegenstand der Gefangenenliteratur. Zum Thema
Sicherungsverwahrung erreichen uns Texte, die nichts Gutes verbeißen.
Natürlich wird das Thema Alter, korrespondierend zur
gesellschaftlichen Entwicklung, aufgegriffen. Wie stirbt man im Knast?
Auch scheint sich der Ton in den Texten zu ändern. Während wir zunächst als charakteristik der Schreibweise der Gefangenen die Begriffe Klage, Anklage und Widerstand zutreffend fanden, schien uns in den neunziger Jahren das darin mitschwingende Moment des Kämpferischen und des politischen Widerstandes abzunehmen gegenüber einer wohl noch kritischen Haltung, gepaart aber doch mit einer zunehmenden Melancholie. Die Aufbruchstimmung der frühen achtziger Jahre war dahin, Knastreform kein Thema der Politik mehr. Sicherheit und Ordnung drängten in neueren Gesetzesentwürfen das Resozialisierungsgebot beiseite, das Kanzlerwort vom” Wegschließen” erfreute sich beträchtlicher Popularität und die Boulevard-Presse gierte nach Sensationsstorys, um das Klischee vom Gefangenen als Horrorgestalt auftagenstärkend zu bedienen. So war es auch eine Frage der Ehrlichkeit der schreibenden Gefangenen, keine künstlichen Hoffnungen zu nähren oder sich in voluntaristischen, letztlich leeren Drohgebärden zu ergehen.
Gegenwärtig, abzulesen auch in den Texten zur aktuellen Preisverleihung, scheinen mir zwei auf den ersten Blick gegensätzliche Tendenzen bestimmend zu sein: Die Konzentration auf das eigene Ich und die Stärkung des Interesses an systematischer Kritik und engagierter Veränderung. Die Konzentration auf das eigene Ich sehe ich nicht als modischen Narzissmus, wie er der Literatur des zu Ende gehenden Jahrhunderts vorgeworfen wurde, sondern als eine ernste Prüfung der eigenen Verfassung, des Sinns des eigenen Lebens im Knast und draußen, der Möglichkeit, selbst im Knast ein Stück Würde zu bewahren, der Aufarbeitung der Vergangenheit, der Änderung der eigenen Person, um nach der Entlassung fähig zu sein, für sich und die Familie Verantwortung zu übernehmen. Das erfordert eine sensible, ehrliche Sprache. Eine Sprache auch, die die Kraft und Spannweite aufweist, die unterschiedlichen Gefiihlslagen auszudrücken, Trauer, Verzweiflung, Aggression, Liebe, Hoffnung. Die auch Tabus durchbricht, etwa beim Thema Sexualität und Liebe im Knast. All dies ist traditionell eher in Texten aus dem Frauenknast zu finden. Aber es ist auffällig, wie sehr auch in neueren Texten aus dem Männerknast sprachlich ein sensiblerer Umgang mit diesen Themen zu finden ist, eine Folge sicher auch der gesamtgesellschaftlichen Überwindung von geschlechtsspezifischen Rollen. Insofern ist auch zu beobachten, dass sich Hand in Hand gehend mit solchen sprachlichen Sensibilisierungsprozessen eine größere Offenheit und Ernsthaftigkeit des persönlichen Fragens entwickelt. Wie steht es um mich bei der Frage nach Einsamkeit und Gemeinsamkeit? Wie vermischt sich möglicherweise das eine mit dem anderen? Kann ich, will ich meine Einsamkeit überwinden? Geht dies im Knast, trotz Knast? Erschütternd sind Texte zu lesen über den Weg zum Suizid. Wir lesen auch den einen oder anderen Text, worin ein Gefangener die Zelle als Ort intensiver Ruhe, der Meditation und der künstlerischen Konzentration und kreativen Selbstverwirklichung empfindet. Eine Skurrilität fast angesichts der Zerstörungen, die gerade die Isolation in den Menschen anrichtet, aber ein ehrliches Experiment und ein offenes Schreiben.
Auf der anderen Seite wird die Kritik am Strafvollzug schärfer und das Verlangen nach Veränderungen drängender. Dies betrifft nicht nur die prämierten Texte, sondern ist als grundlegende Stimmung auch in einer Vielzahl der anderen Texte festzustellen. Gerade auch einfache, oft kurze Erfahrungstexte formulieren ihr Unverständnis gegenüber den unmenschlichen Verhältnissen im Knast. Dies ist nicht mehr nur als Klage, sondern trotz aller Ohnmacht als heftige Anklage formuliert. Die Kritik richtet sich häufig nicht nur auf einzelne Mängel in Teilbereichen wie Medizin, Verpflegung oder Freizeitmöglichkeiten, sondern fordert statt Änderungen und Flickschustereien im System dessen Beseitigung. Der Blick weitet sich, indem das System Knast mit seiner Zerstörungskraft in den strukturellen Zusammenhang der menschenfeindlichen politischen und ökonomischen Verfasstheit der Gesellschaft insgesamt gerückt wird.
Es scheint so, als wenn eine neue Wachheit gegenüber Verletzungen der Menschenwürde bei den Gefangenen entstanden ist, aber nicht nur bei ihnen. Vielmehr korrespondiert diese Wachheit mit der Haltung vieler Menschen draußen. Überraschend geht die angeblich unpolitische Jugend in Massen auf die Straße und protestiert gegen rechte Menschenverachtung und die Diskriminierung von Flüchtlingen und Ausländern und eine unzureichend agierende Politik. Entwickelt hat sich draußen auch eine neue Sensibilität gegenüber der globalen Überwachung der Menschen. Die Gefangenen erleben sie täglich in ihrer totalen Institution an Leib und Seele und ziehen aus der öffentlichen Debatte Kraft zum Widerspruch. Der Ruf nach Transparenz ist draußen angesichts der Möglichkeiten der sozialen Medien selbstverständlich, Edward Snowden gilt als der globale Held. Drinnen wird den Gefangenen der Zugriff auf die neuen Medien und damit das Recht auf Informationsfreiheit, Weiterbildung und Partizipation an der modernen Welt versagt. Es fällt ihnen nicht schwer, sich als Opfer eines Unrechtssystems zu identifizieren. Sie hören von der Wichtigkeit der Meinungsfreiheit und Massendemonstrationen bei ihrer Verletzung (Paris und andernorts), erleben aber selbst oft genug bei der Publikation von Gefangenenzeitungen zensur und beim Schreiben von Briefen und literarischen Texten Behinderungen und Einschüchterungen. Sie hören von neuen Gesetzen zum Mindestlon und zur Sicherung von Renten, beides wird ihnen im Knast vorenthalten. Sie haben daher zum ersten Mal in Deutschland eine Gefangenengewerkschaft gegründet. Interessant, dass zeitgleich ein literarischer Text eingereicht und prämiert wurde, in dem der Autor M. O. Hübner, freilich in fiktionalem Spiel, einen Gefangenenstreik in Szene setzt. Was die Sensibilisierung der Öffentlichkeit und auch der Gefangenen selbst für das Verhältnis des Strafvollzugs zum Recht betrifft, so war die Rechtsprechung des Europäischen Gerichthofs und des Bundesverfassungsgerichts alarmierend und blamabel für die Strafjustizpolitik. Die Sicherungsverwahrung in Deutschland wurde als komplett verfassungswidrig erklärt und unausgesprochen damit auch in wesentlichen Fragen der Strafvollzug. Dies hat zu einer größeren Sensibilität und einer kritischeren Haltung gegenüber dem Strafvollzug zumindest in den seriöseren Medien geführt, Und auch zweifellos die Motivation der Gefangenen gestärkt, der Strafvollzugsjustiz nicht allzu viel Vertrauen entgegenzubringen. Knapp und nicht ohne satirischen Unterton konstatiert der diesjährige Preisträger Peru Wassmann zur Entwicklung des Strafvollzugs: ,,Diese Entwicklung läuft allem zuwider, was uns die modernen Wissenschaften (vor allem die Neurowissenschaften) über den Menschen und die Grundlagen seines Handeins an die Hand geben. In ferner Zukunft wird man den Strafvollzug, wie er heute praktiziert wird, als brutal, dumm und unnütz erachten, ähnlich wie heute die Hexenverfolgung von vor einigen hundert Jahren.”
Bis dahin ist es noch ein weiter Weg und es bedarf einer großen Stärke und Geduld, bei aller Sisyphusarbeit gegen die Beharrungskraft des Gefängnisses das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Wenn wir auf 25 Jahre Ingeborg-Drewitz-Preis zurückblicken, ist es ermutigend, die vielfältigen Aktivitäten wahrzunehmen, die im Zusammenhang mit dem Preis stattfanden, bisweilen im Fernsehen, öfters im Radio, als Features, Lesungen, oft unter Mitwirkung der Autoren und Autorinnen aus dem Knast. Zahllose Lesungen fanden in Universitäten, Schulen, Buchhandlungen, Gemeindesälen oder auch in Justizvollzugsanstalten statt, oft begleitet von Presseberichten. Es gab Auftritte in Kulturprojekten in Kooperation mit Kirchen und Theater (“Kultur der Barmherzigkeit”), den Ruhrfestspielen. In Schulen entstanden Unterrichtsprojekte zur Gefangenenliteratur, Schüler organisierten selbst öffentliche Lesungen mit Preisträgern. Es gab interessante Experimente in der persönlichen Begegnung zwischen schreibenden Frauen aus dem Knast und Schülern und Schülerinnen und der Entwicklung einer Korrespondenz. Häufig kommen Anfragen von Pädagogen; Pädagoginnen und Pfarrern nach Materialien, die sie für ihre Arbeit nutzen möchten, teilweise auch von Studierenden, die im Rahmen ihres Studiums Gefangenenliteratur zum Thema machen.
Einige Beispiele aus der letzten Zeit: Uns zugschickt wurde eine schöne, kompetente, eigenständige Facharbeit des Schülers Julian Rollmann (16 Jahre) zur Gefangenenliteratur. Eine besonders originelle Arbeit, die mit dem internationalen MfG-Award 2013 für Buchdesign ausgezeichnet worden ist, wurde von Peter Meyer an der Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig angefertigt. Peter Meyer hat ausgewählte Texte des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene in einem Buch zusammengefasst, das durch ein kreatives, künstlerisches und einfilhlsames Design dem Charakter der Texte Rechnung trägt. Hervorzuheben ist auch der Film “Von der Beraubung der Zeit. Ein Film über das Gefängnis” von Jan Neumann und Daniel Postrak, der gegenwärtig in Programmkinos gezeigt wird. Im Mittelpunkt stehen Gespräche, die mit drei Preisträgern des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises gefilhrt wurden. Mit einem Sonderpreis ist dieses Mal das Straßenmagazin HEMPELS aus Schleswig Holstein ausgezeichnet worden. Das Straßenmagazin bietet in der JVA Lübeck eine Schreibgruppe für Langzeitgefangene an. Die dort entstehenden Texte werden dann im Straßenmagazin veröffentlicht. So entsteht vorbildlich und in dieser Form einmalig in Deutschland eine Brücke zwischen drinnen und draußen.
Ich möchte die Frage nach der Fortsetzung der Arbeit anekdotisch beantworten. Als ich in einer unserer Besprechungen das Datum des 25jährigen Jubiläums in Erinnerung rief, fiel auf, dass es niemand vorher bemerkt hatte. Unser Blick war offensichtlich in großer Selbstverständlichkeit nach vorne gerichtet. Die Tatsache, dass sich in 25 Jahren, wie in der Gefangenenliteratur dokumentiert, in den Gefiingnissen nichts nennenswert Positives entwickelt hat, filhrte offensichtlich nicht zur Resignation, sondern zu einem Trotzdem oder auch Jetzt erst recht. Jedenfalls fuhren wir in der Tagesordnung fort. Und vernahmen erfreut, dass sich jemand bereitgefunden hat, die vergriffenen Anthologien des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises per E-Book wieder zugänglich zu machen. Und natürlich macht froh, dass es, ..bei aller Begrenztheit, doch auch ein erfreuliches, vielfältiges Echo in der Öffentlichkeit gibt. Dafür. mögen die angeführten Beispiele stehen, sie ließen Sich leicht vermehren. Nicht unwichtig ist natürlich auch, dass sich die Trägerschaft in den letzten Jahren verbreitert hat. Hinzugekommen sind die Bundeskonferenzen katholischer und evangelischer Gefängnisseelsorger, die ja oft einen besonderen, persönlichen Zugang zu Gefangenen haben; die Chance e.V. Münster, die Sozial- und Kulturarbeit breit gefächert zum Schwerpunkt hat; die Humanistische Union NRW, die konsequent Fragen der Menschenrechtsverletzungen nachgeht; und der Arbeitskreis kritischer Strafvollzug, der per Korrespondenz die Gefangenen in rechtlichen und alltagspraktischen Fragen berät und einen weiteren Akzent auf die Öffentlichkeitsarbeit legt.
Hilfreich waren auch die verschiedenen Schirmherrschaften: Luise Rinser, die im Nationalsozialismus im Gefängnis war, dort ihr Gefängnistagebuch auf Zeitungsrändern notiert hatte, das sie 1946 publizierte. 1987 gab sie eine Anthologie mit Texten aus dem Frauenknast heraus (“Lasst mich leben. Frauen im Knast”). Friedrich Magirius, Pfarrer und Superintendant der Nicolaikirche in Leipzig zur Zeit der friedlichen Revolution “Während der ganzen Zeit in der DDR war es uns nicht erlaubt, nur einen einzigen Schritt in die Gefängnisse zu gehen. Diese Zeit darf nie wiederkommen.” Brigitta Wolf, der “Engel der Gefangenen”. Sie hat es als Lebensaufgabe angesehen, Gefangenen zu helfen, hat zahlreiche Korrespondenzen mit Gefangenen geführt (ihr Archiv umfasst mehr als 80 000 Briefe), Texte von Gefangenen herausgegeben und auch eigene Lyrik und Essays zu ihren Knasterfahrungen publiziert. Martin Walser hat bereits Ende der sechziger Jahre mehrere Autobiographien von Gefangenen betreut und veröffentlicht, weil die Gefangenen selbst die Möglichkeit erhalten sollten, mit ihrer eigenen Stimme auf den Skandal ihrer Verwahrung im Knast hinzuweisen. George Tabori hat wie kein zweiter literarisch die Schuldfrage als Schuld im Täter und in jedem von uns problematisiert. Er hatte die Schirmherrschaft trotz schwerer Krankheit übernommen. Heinz Müller-Diez hat auf seiner Professur für Strafrecht einen Schwerpunkt seiner Forschung auch auf das Thema “Literatur und Recht” gesetzt. In diesem Zusammenhang bezieht er auch die gegenwärtige Gefangenenliteratur als Literatur “sozialer”, “normaler” Gefangener mit ein. Von 1998 bis 2005 war er Mitglied der Jury des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene. Siegfried Neuenhausen, ein bekannter Künstler aus Hannover, arbeitet seit den siebziger Jahren mit Gefangenen aus dem Bremer Knast an der Herstellung von Steinskulpturen. Er beschreibt ebenso wie die mit ihm arbeitenden Gefangenen den therapeutisehen und sozialen Wert künstlerischer Arbeit. Mit seiner Schirmherrschaft wurde ein Zeichen gesetzt für das disziplinübergreifende Moment künstlerischer Arbeit im Knast.
All diese Engagements summieren sich zu dem Eindruck, dass etwas
entstanden ist, das eine Fortsetzung nahe legt. Der eigentliche Grund
der Engagements, das unsrige mit einbegriffen, liegt wohl darin, dass
es Freude bereitet, das Selbstverständliche zu tun, nämlich denen zu
helfen, die in besonderer Weise ausgegrenzt, verachtet, des Rechts auf
Menschenwürde beraubt sind und nur zu oft bis in den Suizid
verzweifeln. Es tut gut zu sehen, wie den Gefangenen das Schreiben
hilft, Lebenssinn zu suchen, vielleicht zu finden, Kran zu schöpfen,
im Knast zu widerstehen, Kommunikation in der großen Einsamkeit zu
erleben, aus der Welt draußen Signale zu empfangen, dass sie nicht
völlig vergessen sind, sich zu empören, ihre Rechte einzufordern, oft
genug zu “schreiben um zu überleben”, wie Nicola Keßler es im Titel
ihres Handbuchs zur Gefangenenliteratur ausdrückt. Dazu beizutragen
ist ein Glück. Und auch die andere Seite draußen in den Focus der
Kritik zu nehmen, sie darauf aufmerksam zu erinnern, wie viel Unrecht
und Leid aus einer Gewalt resultiert, die inmitten unserer sogenannten
Zivilgesellschaft wie selbstverständlich existiert.
In dem Zusammenhang möchte ich mich auch bei der Kommende Dortmund
bedanken, die uns seit vielen Jahren mit erfreulichem Engagement
unterstützt. Es ist ein gutes Zeichen, dass die zentrale Botschaft des
Christentums, das Einstehen für die Geringsten unserer Schwestern und
Brüder, zumal der Gefangenen, zumindest an diesem Ort in schöner
Selbstverständlichkeit präsent ist. So fühlen wir uns denn hier zu
Hause.
Mit Peter Zingler haben wir als Schirmherm für das Jubiläum eine
Idealbesetzung gefunden. Selbst Knastautor, die sozialisierende Kraft
des Schreibens am eigenen Leib gespürt habend, ausgezeichnet mit dem
Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene, später mit weiteren
Preisen versehen, ein erfolgreicher Autor über Jahrzehnte hinweg,
gerade in diesen Tagen einen Höhepunkt seines Schaffens erlebend als
Drehbuchautor der bei den großen Fernsehfilme “Die Himmelsleiter”, die
ein Thema aufgreifen, das auch schon im Mittelpunkt der Erzählung .Das
Wiedersehen” stand, die vor 25 Jahren ausgezeichnet wurde. Jetzt ist
er Schirmherr, ein Beispiel für alle Knastautoren und -autorinnen. Und
gibt nicht auf in seinem Kampf für eine andere Gesellschaft und einen
anderen Knast.
Sein knappes, pointiertes Vorwort zur diesjährigen Anthologie
“Gemeinsam einsam” überschreibt er mit einem an die Gefangenen
gerichteten Appell: Weiterschreiben! Ich ergänze unsererseits: Wir
sind dabei!