# Geräusche der Nacht


Geräusche der Nacht


Inhaltsverzeichnis

Mit dem Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene werden alle drei Jahre Autoren und Autorinnen ausgezeichnet, die auf eindrückliche Weise ihr leben in Haft zu Papier gebracht haben. Die nunmehr siebte Ausschreibung(2008) stand unter dem Motto „Geräusche der Nacht“. Aus den in dieser Anthologie versammelten Texten erfahren wir viel über die knastspezifische, oft fremd anmutende Geräuschkulisse in der Nacht, über ihre Wirkungen auf die Gefangenen, die einsamen Nächte in den vier Wänden, über das Zurückgeworfensein auf sich selbst, die inneren Qualen und Hoffnungen. Die Texte überzeugen durch ihre authentische Darstellung.


# Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene 2008


Mit einem Geleitwort von Heinz Müller-Dietz
agenda Verlag, Münster 2008.
ISBN 978-3-89688-351-3

„wir spüren dich nicht, wir erwidern dich nicht. du wirst nichts finden, keine lebendige nische zum verkriechen, keine schutzzone für träume, nicht einen warmen flecken. (… ) unsere tonlose eintönigkeit wirst du hören, bis du taub bist auf allen frequenzen. nie könntest du einen freudenfunken aus uns herausschlagen, nie könntest du uns zum schwingen bringen. wir atmen nicht, wir blühen nicht, wir singen nicht, wir flirten nicht, wir vergehen nicht.“
(Stefan Neumann)


# Der Trägerkreis


Der Trägerkreis des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene und zugleich Herausgeber dieses Buches sind:
Dokumentationsstelle Gefangenenliteratur der Universität Münster
Gefangeneninitiative eV Dortmund
Strafvollzugsarchiv der Universität Bremen
Bundeskonferenzen katholischer und evangelischer Gefängnisseelsorger
Chance e.V. Münster
Humanistische Union e.V., Landesverband NRW
Arbeitskreis kritischer Strafvollzug


# Preisverleihung

am 8. Juni 2008, 11.00 Uhr, in der Kommende Dortmund, Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn


# Die Schirmherrschaft des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises


PROF. DR. DR. H.C. HEINZ MÜLLER-DIETZ, Sulzburg.
Geb. am 2.11.1931 in Bretten (Landkreis Karlsruhe); studierte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Rechtswissenschaften;
habilitierte sich 1966 über die Geschichte, Philosophie und Politik im Strafrechtsdenken Karl Theodor Welckers;
war bis zu seiner Emeritierung (1997) Professor für Strafrecht an der Universität des Saarlandes, Saarbrücken;
Ehrendoktor der Keio University Tokio und Träger der Beccaria Medaille in Gold der Deutschen Kriminologischen Gesellschaft, ehrenmitglied der Japanischen Gesellschaft für Strafrecht.
Schwerpunkte seiner Forschung sind das strafrechtliche Sanktionensystem, der Strafvollzug sowie Literatur und Recht.
Bis zu seiner Habilitation (1966) war er im baden-württembergischen Strafvollzug tätig, von 1969-1971 Mitglied der Strafvollzugskommission beim Justizministerium.
Im Zentrum seines Wirkens steht die Humanisierung des modernen Strafvollzugs und sein weitgefächertes Oevre umfasst nicht nur zahlreiche Standardwerke zum Strafrecht, Strafprozessrecht, Strafvollzug, zur Kriminologie und zur Rechtsgeschichte, sondern auch literarische Arbeiten, Aphorismen und Lyrik.
Die vielfältigen Beziehungen zwischen Literatur und Recht entfaltet er u.a. in seinem Buch "Grenzüberschreitungen" (Nomos Verlag Baden-Baden 1990).
In den Jahren 1998 bis 2005 war er Mitglied der Jury des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene.


# Inhalt


Zum Geleit
Heinz Müller-Dietz: Schreiben im Vollzug S.9

Prämierte Texte
Stefan Augenstein: Geräusche der Nacht S.21
Lore Eder: Das Gespenst S.23
Stefan Neumann: 23.10.06 - der weg zur arbeit S.25
blastx S.29
Wie geht es Dir? S.37
Des Spannmanns Ritt S.39
Kenny Berger: Foto in schwarz-weiß S.46
Dietmar Pawig-A.: Ohropaxxxxx S.49
Roman Kluke: Peter Handke und der letzte Tote von Remscheid S.51
Helmut Pammler: Dein Los S.59
Sicherungsverwahrung S.61
I. Rose: Schreiben gegen den Schmerz in der Stille. Zwei Humoresken S.63
Pasqual P.: erst wenn ... erst dann ... erst jetzt ... S.76
Gruppe RESPEKT: Der Schlimmste S.79
Einsamkeit am 21.07.06 um 17.39 Uhr und 11 Sekunden S.81
Eine Oma S.83
Markus Lennemann: Knastrap in der Nacht: Haftanstalt S.87
R.S.: Wem ein Lächeln fehlt, dem fehlt ein Flügel S.89
Ralf Axel Simon: moral ist der arglistige versuch der herrschenden ... S.95

Nachwort
Helmut H. Koch: Geräusche der Nacht. Anmerkungen zum Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis 2008 S.113

Anhang
Die Autorinnen und Autoren S.126
Liste aller Teilnehmerinnen S.130
Die Jury S.133
Satzung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene S.135
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# Zum Geleit


# Schreiben im Vollzug
Heinz Müller-Dietz

Wer über das Schreiben nachdenkt, gerät vom Hundertsten ins Tausendste. Es gleicht - wie das Lesen - einem Fass ohne Boden. Was aber nicht heißt, dass es bodenlos sein müsste. Erfahrungen stellen sich ein, Assoziationen drängen sich auf. Vor einem liegt ein unbeschriebenes Blatt Papier - vielleicht so unbeschrieben wie mancher Zeitgenosse, der sich anschickt, ein Autor zu werden. Den Einstieg zu finden scheint das Schwierigste - was aber, bei näherem Zusehen, nur einer vordergründigen Betrachtung entspringt. Denn auch im Fortgang des Schreibens können sich weitere Schwierigkeiten, Probleme genug auftürmen. Doch bleiben bereits am Anfang viele hängen oder scheitern gar und geben auf.

In einem seiner frühen Romane paraphrasiert der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson die beklemmende Erkenntnis, die nicht nur für das Schreiben, sondern auch oft genug für das Leben schlechthin Geltung beanspruchen kann: "Die Fehler sind am Beginn." Indessen ist es derselbe Autor, der in diesem Roman - "Herr Gustafsson persönlich" - gegen seine entmutigend wirkende Erkenntnis das Trotzdem, den Anspruch setzt: "Wir fangen noch einmal an." Um dann im Laufe seines von so vielen Facetten und Schwankungen durchzogenen Schriftstellerlebens irgendwann einmal "Erzählungen von glücklichen Menschen" zu schreiben - was keineswegs nur ironisch verstanden werden muss.

Ungeachtet der menschlichen Erfahrung, dass aller Anfang schwierig ist, gibt es aber auch diejenige des gelingenden oder gelungenen Einstiegs in das Thema, das sich ein Autor gestellt hat. So kann es geschehen, dass ein Text mit Worten oder Sätzen eingeleitet wird, die ganze Welten öffnen, erschließen können. Nicht ohne Grund hat die Literaturwissenschaft erkenntnisträchtige Romananfänge zum diskussionswürdigen Thema erklärt. Freilich gilt es demgegenüber zugleich die Binsenweisheit hinzunehmen und auszuhalten: Auch ein guter Beginn garantiert noch nicht für eine entsprechende Fortsetzung. Und schon gar nicht für ein geglücktes Ende. Was man durchaus auch als Abbild des menschlichen Lebens begreifen kann.

Die Hemmschwelle, die der Einstieg in einen Text bedeutet, ist also nur eines jener vielen Hindernisse, die sich beim Schreiben auftun. Andere folgen im Fortgang der Beschreibung, der Darstellung, der Erzählung. Werden Geschichten wiedergegeben, sind es die Schilderung von Personen, die Gestaltung der Handlung, die neue Hindernisse bereiten können. Wieder einmal kann es einem beim Schreiben wie beim Lesen geschehen, dass man irgendwann verzagt, mutlos geworden sein Vorhaben abbricht, weil sich die Einfälle und Ideen, die es bei der Anfertigung eines Textes braucht, nicht einstellen wollen. Es kann einem wie bei der Lektüre ergehen, dass einem das Interesse am Text verleidet wird, ja verloren gehen kann, weil man ihn in zunehmendem Maße als sperrig und unzugänglich empfindet.

Einer der relativ wenig beachteten, aber praktisch bedeutsamen Hinderungsgründe stellt beim Schreiben die "Schere im Kopf' des Autors dar. Das gilt natürlich vor allem für Autoren, die in reflektierender, vielleicht schon skrupulöser Weise mit der Sprache und ihrem Stoff umgehen. Jene "Schere" verkörpert im Grunde eine Art "innere Zensur", die sich in formaler Hinsicht auf den Stil, die Wortwahl und Satzgestaltung, in inhaltlicher auf die Schilderung von Personen und Geschehensabläufen auswirken kann. Zuweilen sind ihre Folgen noch einschneidender, ja verhängnisvoller, als es eine äußere, staatliche Zensur wäre - für die ja in einem freiheitlich verfassten Gemeinwesen ohnehin kein Platz ist.

Die "Schere im Kopf' muss aber mitnichten bloßer Ausdruck einer besonders peniblen oder gar ängstlichen Schriftstellerpersönlichkeit sein. Vielmehr erfährt sie mehr oder minder intensive Unterstützung durch den jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen Umgang mit Sprache. Auch in "offenen Gesellschaften", in rechtsstaatliehen Demokratien gibt es zumindest öffentlich anstößige, wenn nicht gar verpönte Ausdrucksweisen und Formulierungen, deren Gebrauch als Affront, als Verstoß gegen allgemeine Übereinkünfte gewertet wird. Dies bringt in etwa der aus dem Amerikanischen übernommene Begriff der sog. "political correctness" zum Ausdruck, der - jedenfalls in der Öffentlichkeit - auf einer politisch einwandfreien, korrekten Sprache besteht - was immer im Einzelnen darunter verstanden werden mag. Der Schriftsteller, der diese gesellschaftliche Sprachregelung missachtet, riskiert damit negative öffentliche Reaktionen. Der Autor, der sich daran hält, zahlt dafür möglicherweise mit Verflachung seiner Ausdrucksweise, ja Verarmung seiner Sprache.

Ohnehin braucht es - natürlich vor allem bei heiklen und sensiblen Themen - einen gewissen Mut, eine Entschlossenheit, sich zu deutlichen Formulierungen durchzuringen, die - wie es heißt - "Klartext reden". Dass sich eine kräftige und eine bilderreiche, farbige Sprache nicht ausschließen müssen, lässt sich in etwa an Romanen von Günter Grass ablesen. Wohl aber fordern literarische Texte, die sich nicht in bloßen Meinungsäußerungen erschöpfen wollen, sondern Ansprüche an sich selber stellen, ein Mindestmaß an sprachlicher Sorgfalt und Gestaltung heraus. Es liegt freilich - was im übertragenen wie im ganz konkreten Sinne zu verstehen ist - auf der Hand, dass nicht jedem, der sich am Schreiben versucht, die Gabe der Formulierung gegeben ist. Auch wird nicht jeder, um sie zu erwerben oder gar zu vervollkommnen, eine entsprechende Ausbildung am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig absolvieren können (oder wollen).

Die Literaturgeschichte ist voll von Fällen, in denen es Texte nur bis zum Fragment oder gar Entwurf gebracht haben - oder Autoren nach dem wievielten Anlauf auch immer - ihr Vorhaben aufgegeben haben. Von Georg Büchners Drama "Woyzeck" existieren mehrere Fassungen. Das gilt in gewisser Weise auch für Franz Kafkas legendären Roman "Der Proceß", der gleichfalls zur Weltliteratur zählt. Robert Musil ist mit seinem Jahrhundertroman "Der Mann ohne Eigenschaften" nicht mehr bis zu Ende gekommen. Das kann, muss aber keineswegs am Autor liegen. Vielmehr kann es auch in der Eigenart und Schwierigkeit des Themas begründet sein, das angesichts seiner Größe und Dimension Menschenmaß übersteigen mag. Wie eben auch Dramen existieren, die schon von Anlage und Umfang her jede normale Theateraufführung sprengen würden. So hat Karl Kraus etwa seine unvergleichliche Tragödie über den ersten Weltkrieg "Die letzten Tage der Menschheit" dahin charakterisiert, ihre Aufführung, "die etwa zehn Abende umfassen würde", sei "einem Marstheater zugedacht".

Zugleich zeugt die Literaturgeschichte aber auch davon, dass es sich für Autoren gleichwohl lohnen mag, sich noch einmal, ja zum wievielten Male auch immer, an ihrem Stoff zu versuchen, der sie nicht loslassen will, von dem sie nicht loskommen. Wie lange Goethe an seinem größten Werk, dem "Faust", gearbeitet hat, mag man kaum glauben: Fast sechzig Jahre sind es gewesen. Freilich verkörpert es ein Projekt, das seinen Abschluss im landläufigen Sinne schwerlich finden kann. Thomas Mann hat nach Jahrzehnten die Lebensgeschichte "seines" Hochstaplers Felix Krull wieder neu aufgegriffen. Und Friedrich Dürrenmatt ist es gewesen, der seinen verschlungenen Roman "Justiz" auf Drängen seines Verlegers nach vielen Jahren doch noch zu einem, wenngleich von seiner literarischen Qualität her recht umstrittenen Abschluss gebracht hat.

Blickt man zurück in die Geschichte der Freiheitsstrafe in der Neuzeit, so scheint das Thema "Schreiben im Vollzug" bereits alt und fast schon verbraucht. Viel ist davon schon die Rede gewesen, immer wieder darüber geschrieben worden. Eine ganze Reihe historischer, aber auch aktueller Untersuchungen informiert über das Thema. Und doch ist es jedes Mal wieder neu. Es interessiert auch keineswegs nur aus Anlass von Preisverleihungen, sondern im Grunde stets schon dann, wenn sich jemand anschickt, hinter Mauern und Gittern ans Schreiben zu wagen. Eine Geschichte vieler persönlicher Schicksale - und damit zugleich von Menschen, die aus den verschiedensten Gründen - nicht zuletzt wegen Verstößen gegen allgemeine Übereinkünfte - von der Gesellschaft gemieden, ja aus ihr verbannt, von ihr ausgegrenzt worden sind, spiegelt sich in solchen Texten. Die Frage, ob sie ein Spiegelbild oder ein Zerrbild der Gesellschaft entwerfen oder zeichnen, stellt sich mit den meisten dieser Darstellungen jeweils neu. Sie verbindet sich mit den vielfältigen unterschiedlichen Anlässen und Motiven, die einen Gefangenen zum Schreiben bewegt haben mögen.

Besonders nahe liegt der eher seltene, aber dennoch immer wieder vorkommende Fall, dass ein Gefangener schon vor seiner Inhaftierung als Schriftsteller, Sachbuchautor oder in anderer Weise literarisch tätig gewesen ist. Er setzt im Gefängnis insoweit "nur" seine bisherige Tätigkeit fort - freilich allemal vorausgesetzt, dass ihm die Möglichkeit dazu auch geboten wird. Doch wird er dabei - was immer Gegenstand seines bisherigen Schreibens gewesen sein mag - von seinen jetzigen Lebensumständen, die sich ja so grundlegend von denen in Freiheit unterscheiden, schwerlich absehen können. Sie werden bei einem Erzähler häufig in seine Geschichten einfließen - oder dem Autor Anstoß zu neuen Themen, wie etwa demjenigen des Strafvollzugs, geben.

Der Fall, dass ein Schriftsteller - unter welchem Vorzeichen auch immer - inhaftiert wird, mag in einer rechtsstaatliehen Demokratie selten genug vorkommen; gänzlich ausschließen lässt er sich natürlich auch da nicht, weil Schriftsteller so wenig wie andere Zeitgenossen davor gefeit sind, Rechtsgüter von Mitmenschen zu verletzen. Jedenfalls ist er in Diktaturen oder autoritär verfassten Staaten, die auch in der heutigen Welt nicht von der Bildfläche verschwinden wollen, eine traurige Realität geblieben. Die jüngere deutsche Geschichte - sowohl diejenige des NS-Systems wie zugleich diejenige des SED-Staates - hält bestürzende Beispiele dafür bereit. Überall dort, wo die "Freiheit des Wortes" missliebig erscheint und dementsprechend unterdrückt wird, wird sie von den Machthabern als Angriff auf ihre Herrschaft, als deren Infragestellung verstanden. Dann ist nicht nur sie selbst bedroht, es sind vielmehr auch diejenigen, die von ihr Gebrauch zu machen versuchen, an Leib und Leben gefährdet.

Dass die Anlässe und Motive des Schreibens überaus vielfältiger Natur sind, ist eine Binsenweisheit. Noch der einfachste Grund kann darin bestehen, dass der Verfasser einfach keine Langeweile aufkommen lassen, sich die Zeit damit vertreiben will. Oder dass er auf diese Weise einem mehr oder weniger liebgewordenen Hobby frönt. Ebenso wie zahlreiche andere Liebhabereien - vor allem, aber keineswegs allein in der Freizeit - betrieben und gepflegt werden.

Schreiben kann freilich einem noch tiefer gehenden und weiter reichenden Bedürfnis entspringen, das in oft in unterschiedlicher Weise mit dem Leben des Schreibenden verbunden, ja verklammert ist. Es kann Ausdruck innerer Not sein, die jemand im Wort, in der Sprache zu artikulieren sucht. Vielleicht in der Hoffnung, sich dadurch zumindest gedanklich ein Stück weit von unüberwindlich erscheinenden Problemen lösen zu können - wenn dies schon mit ihnen selbst nicht gelingen will. Das kann durchaus im Bewusstsein geschehen, dass die Schwierigkeiten, die einen bedrängen und einem auf der Seele liegen, damit beileibe noch nicht überwunden sind.

Natürlich kann Schreiben selbst unter solchen Vorzeichen - im Glücks- oder Idealfall - ein Akt innerer Befreiung sein, der aufatmen lässt. Als solcher wird er oft genug subjektiv erlebt, wenn Schreiben Ausdruck innerer und äußerer Not zugleich ist, wenn der Autor als existenziell erfahrene Probleme zur Sprache zu bringen sucht. Ein - im Wortsinne - sprechendes Beispiel dafür bildet ein Ausspruch, ja Aufruf des frühvollendeten Georg Büchner, mit dem dieser die letztlich unerträgliche Ausbeutung und Unterdrückung des gemeinen Volkes zur Zeit des "Hessischen Landboten", also in der Epoche der frühen Industrialisierung, auf die geradezu revolutionär klingende, wenngleich oft genug missverstandene Formel brachte: "Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt." Das war gewiss ein Wort, das weit über die Sprache hinaus Zeichen zu setzen vermag, ja zum Fanal für einen Flächenbrand werden kann.

Schreiben bedeutet vielfach eine Anstrengung des Denkens, eine Entfaltung der einem Menschen innewohnenden geistigen Fähigkeiten und Kräfte. Dabei mag einem das überaus anspruchsvolle, schwergewichtig daherkommende Wort von der "Berufung zum Schriftsteller" einfallen. Indes muss sich - wie so oft im Leben - das subjektive Empfinden, sich zum Schreiben berufen zu fühlen, keineswegs mit der objektiven Wirklichkeit - oder wenigstens der entsprechenden Wahrnehmung durch die Zeitgenossen - decken. Zwischen dem Anspruch, den einer erhebt. und der Fähigkeit, ihn einzulösen. können Welten klaffen. Eindrucksvolle Proben dieser allgemeinmenschlichen Erfahrung liefert so manche Sendung im Fernsehen. Es ist wie mit Höhenflügen im Leben mancher Menschen: Ungeachtet des Umstandes, dass ihre Talente oder Begabungen auf anderen (beruflichen) Feldern liegen, suchen sie Karrieren mit viel Elan und Emphase zu starten, um dann eine Bruch- oder Bauchlandung erleben zu müssen. Schreiben aus "innerer Berufung" heraus bedarf also der Deckung, der Rückendeckung durch eine entsprechende sprachliche, ästhetische Begabung, die gewiss nicht alltäglich ist.

Dass Schreiben in der Situation des Freiheitsentzugs ganz besonderen Bedingungen unterliegt, die sich mit der Lage des in Freiheit lebenden Menschen nicht annähernd vergleichen lassen, gehört zu den oft unter Wert gehandelten Binsenweisheiten. Allein schon die äußeren Voraussetzungen und Möglichkeiten sind andere. Die Anlässe und Motive sind anderer Natur, haben ein anderes Gewicht. Schreiben im Vollzug bedeutet häufig einen Kraftakt, der zur Überwindung innerer Schwierigkeiten und äußerer Hemmnisse vonnöten ist. Davon erzählen viele Texte, die im Gefängnis entstanden sind.

Wer schreiben will. braucht einen Freiraum in jedem Sinne des Wortes, der es ihm ermöglicht, seine Gedanken und Empfindungen frei von störenden und beeinträchtigenden Einflüssen zu entfalten. Nicht wenige Texte Gefangener zeugen von stereotypen Tagesabläufen - fast ist man versucht von "Vollzugsritualen" zu sprechen -, von Geräuschen und Gerüchen einer Umgebung, die sich immer wieder in den Prozess des Schreibens drängen, ja ihm sogar bis in die Gestaltung von Geschichten und Erzählungen hinein aufdrängen. Da spiegelt sich eine Gefängniswelt wider, aus der es in thematischer wie in sprachlicher Hinsicht kein Entkommen gibt, die einen Verfasser bis in die oft als Gegenwelt erlebten Träume hinein verfolgen kann. Oft misslingt die Flucht aus der Welt des Gefängnisses in Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen.

Diese Welt hält Texte gleichsam an der Umgebung fest, in der sie entstanden sind und die den Autor umgibt. Die vielfache Fixierung auf sich wiederholende Abläufe, bekannte Ereignisse müssen beileibe nicht Ausdruck einer Unfähigkeit sein, sich gedanklich von der Situation des Freiheitsentzugs lösen, sich aus ihr befreien zu können. Sie kann vielmehr gerade als beweiskräftiger Beleg dafür gelten, dass der Verlust der Freiheit, wie er sich im Vollzug darstellt, sich keineswegs nur in deutlicher Einschränkung der körperlichen Bewegungsfreiheit erschöpft, sondern vielmehr in alle Lebensbereiche hineinreicht und damit auch in Seele und Geist ihre Spuren eingräbt.

Schreiben kann auch einer Traumwelt, einer erdachten, ersehnten spekulativen Wirklichkeit Gestalt geben. Wir erleben es immer wieder, dass unsere Vorstellungen weit über das hinausgehen, was wir in der Realität nicht nur wahrnehmen, sondern auch anstreben und verwirklichen können. Das ge-, das erträumte Leben präsentiert sich allemal als das bessere, das über den oft frustrierenden grauen Alltag oder gar über die Misere misslungener Lebensgestaltung hinaushebt. Vor allem Medien und ihr häufiger Konsum können das Eintauchen in eine Wunsch- und Traumwelt fördern. Fernsehbilder und -szenen - die beileibe nicht nur der Werbung mit ihren verheißungsvollen Anpreisungen entstammen müssen - können ein sich geradezu ideal geben des Leben vorgaukeln, dem man sich gerne bis in die Tagträume hinein ergibt.

Hinter Mauern ist die Gefahr, Tagträumen zu erliegen, noch ungleich größer als in Freiheit. Auch wenn das Leben im Gefängnis - ungeachtet freilich recht unterschiedlicher Verhältnisse vor Ort - inzwischen ein wenig näher an die Wirklichkeit draußen herangerückt sein, nicht mehr die Züge rigider Abkapselung und Ausschließung von der Realität in Freiheit tragen mag. Doch sind es einmal mehr mediale Einflüsse, die gerade unter den Bedingungen des Freiheitsentzugs ihre oft blendende, die harten Realitäten ausblendende Wirkung entfalten können. Auch wenn die täglichen Nachrichten - ebenso wie die Schlagzeilen der Presse - häufig genug das Bild einer zerrissenen, von Gewalt und Mord strotzenden Welt draußen zeigen, die nicht zu sich, zum menschlich erträglichen, wenn nicht gar humanen Zusammenleben finden will.

Schreiben im Vollzug kann dazu beitragen, aus der Scheinwelt der Träume und Phantasien auszubrechen - ebenso wie es aus der rauen, in alle Poren und Empfindungen eindringenden Wirklichkeit des Gefängnislebens gleichsam herausholen kann. Keineswegs unbedingt dadurch, dass es Gegenbilder entwirft oder gar dem Protest oder die Empörung über eine Realität Ausdruck verleiht, die hinter rechtlich verpflichtenden oder selbstgesetzten Anforderungen zurückbleibt. Sondern vielmehr dadurch, dass Verfasser von Texten - welcher Art auch immer diese sein mögen - ihr konkretes Erleben, ihre Erfahrungen verarbeiten, aktiv gestaltend in die Welt eingreifen, indem sie ihre Gedanken und Gefühle in Worte fassen. Wer schreibt, liefert sich nicht mehr ohnmächtig, passiv seinen Wahrnehmungen und Empfindungen aus. Er gestaltet sein Erleben, vielleicht ein Stück weit auch sein Umfeld mit - jedenfalls dann, wenn seine Texte von anderen zur Kenntnis genommen werden, an die Öffentlichkeit treten.

Während der notorische Fernsehzuschauer das Geschehen auf dem Bildschirm lediglich passiv, als bloßer Konsument miterlebt - ohne sich überhaupt Gedanken machen zu müssen -, zwingt Schreiben zum Reflektieren, zum Nachdenken. Der Autor muss Worte, die Sprache finden, die das auszudrücken vermag, was ihn bewegt. Vor der Niederschrift des Textes - oder zumindest während dieses Vorgangs - spielt sich ein Prozess der - freilich nicht immer bewussten - Suche nach Begriffen und Sätzen ab, der den Verfasser erst in die Lage versetzt sich zu artikulieren. Wie er im Einzelnen abläuft, was sich da im Kopf vollzieht, ist nicht nur von der Persönlichkeit und der aktuellen Situation des Autors abhängig und individuell verschieden - es liegt wohl noch weitgehend im Dunkel wissenschaftlicher Erkenntnis, das die Hirnforschung in zunehmendem Maße aufzuhellen bemüht ist.

Natürlich gibt es spontanes Schreiben, das keinen langen Anlauf braucht, um zu einem mehr oder minder geschlossenen Text zu gelangen - ebenso wie auf der anderen Seite das Ringen um Ausdruck, um sprachliche Gestaltung zu einem mühseligen, ja quälenden Unternehmen werden kann. Die Arbeit am Wort - wenn sie denn ernst genommen wird - mag für den einen einem leichten, eleganten Spiel, für den anderen einer mühsamen, schwerfälligen Kärrnerarbeit gleichen. Neben immer neuen Versuchen, einen Text zu formulieren, gibt es eben auch den blitzartigen, erhellenden Einfall, der die Schwierigkeiten zählebiger Anläufe fast vergessen machen kann. Wie im Leben schlechthin wechseln Glück des Gelingens - oder zumindest subjektiver Zufriedenheit mit dem eigenen Werk - und Erfahrung des Scheiterns - oder können einander sogar eng benachbart sein. Auch in dieser Hinsicht fängt Schreiben die ganze Bandbreite menschlicher Erlebnis- und Verarbeitungsweisen ein.

Jeder Text steht für sich selbst, jeder Text steht für sich selbst ein. Das gilt natürlich nicht nur für solche Texte, die in Freiheit verfasst sind. Auch und gerade diejenigen, die hinter Mauern und Gittern entstanden sind und von prägenden Erfahrungen zeugen, müssen so genommen, so hingenommen werden, wie sie formuliert sind. Sie sind nicht minder Ausdruck dessen, was der Urheber sich bei der Niederschrift gedacht, was er dabei empfunden hat. Und sie sind - mehr noch - diskussionswürdige, des Nachdenkens bedürftige Hinweise darauf, was an Notwendigem fehlt oder vermisst wird, das es zu einem menschenwürdigen Leben in umfassendem Sinne des Wortes braucht.


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