Texte aus dem deutschen Strafvollzug 2021
17 Autorinnen und
Autoren, Preisträger des diesjährigen Wettbewerbs, beschreiben in
Erzählungen und Gedichten das Leben der Gefangenen im deutschen
Strafvollzug auch unter den gegenwärtigen Coronabedingungen.
Die unbekannte und hinter den Mauern verborgene Welt des Gefängnisses
gibt dieses Buch in authentischer und einfrücklicher Weise wieder.
Texte die anrühren und das Fundament unserer gesellschaftlichen Ordnung
hinterfragen.
Konstantin Wecker
Die Poesie, die Kraft der Sprache und die Solidarität können Mauern
sprengen 11
Helmut H. Koch
Gefangenenliteratur - eine neue Literaturform 17
Stephan S. SEHNSUCHT 37
N.F.B. Wie geht es dir? 39
Rero W. Warum behauptet der Fuchs in der Fabel, die höchsten Trauben an
der Rebe seien Sauer? 43
Klosterwoche 45
Ira Yrome Gewitter hinter Gittern 51
bliss in prison? 52
Ein letzter Besuch 53
R.E. Ein echter Indianer kennt keinen Schmerz (smili) 57
Helmut Pammler Bekomme ich auch die Sicherungsverwahrung? 61
Ein Traum 65
Sicher verwahrt 65
Randbemerkung 65
Johannes Jötten Knastpoeten oder Der Moment, wenn Stifte auf Wände
treffen 67
Slim Bedoui “Rapp” 75
Kenny Berger Das Versprechen 79
Renur Redur’e (weiter Weg) 83
Christian “Bär” Templiner Mein Alptraum: “Sie” 93
Hardeck Ausführung 101
Markus Krieg DRECKSBAZILLE 107
Nina Der schlimmste Tag meines Lebens 109
Thomas Meyer-Falk No man is an island, entire of itself, every man is a
piece of the continent, a part of the main (John Donne) 111
Nador SprengFallenDesLebens - Auszüge aus einer Kurzbiografie 113
Helmut Pammler/Frank Bieber-Kopf
“Mir fehlen die Worte” -
Der Wahnsinn in Worte gefasst
ForenZoologie - Ein kleiner Sprachführer,
nebst Lexikon forensischer Irrtümer
Konstantin Wecker 167
Das macht mir Mut
Und keinem ist der Arm so lang,
auch nicht der Obrigkeit,
dass mir ein ehrlicher Gesang
im Halse stecken bleibt.
Aufruf 171
Die Autorinnen und Autoren 172
Die Jury 178
Satzung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene 180
Nie werde ich vergessen, wie ich bei meinem ersten Knast-Aufenthalt das
wenige Geld, das ich hatte, für einen Kugelschreiber und ein paar
Klopapierrollen ausgegeben hatte. Ich wollte meine Gedichte aufschreiben
und Notizblöcke gab es keine. Ich habe meine tiefsten, meine
verzweifelten Gedanken auf Klopapier geschrieben.
Ein paar Wochen später dann, im Arbeitsraum, las ein Wärter, der meine
Notizen völlig unrechtmäßig an sich genommen hatte, diese intimsten
Gedanken unter johlendem Gelächter meinen Mitgefangenen vor.
Ich war den Tränen nah und wollte sie ihm entreißen, was mir drei Tage
Bunker einbrachte.
Poesie hatte nicht unbedingt einen hohen Stellenwert in diesem
Gefängnis.
Vermutlich in keinem Gefängnis.
Für mich war es lebensnotwendig zu schreiben in meiner Zelle.
Ich war gerade mal 18 Jahre alt und hatte plötzlich so viel Zeit für
mich. Zeit, um mir meine Ängste und Sorgen und mein schlechtes Gewissen
von der Seele zu schreiben. Und ich durfte erleben, wie mich aus der
Tiefe meines Selbst ganz neue Gedanken wie Melodien überfluteten.
Es müsste unendlich viele Schreibkurse geben in den Gefängnissen dieser
Welt.
Denn wer schreibt hat die Chance hinter der Realität die Wirklichkeit zu
entdecken.
Im Fluss des Schreibens können einem Gedanken begegnen, denen man sich
verweigert hat, ja, die man sich sogar verboten hatte, weil es die
Gesellschaft so fordert: nicht über das hinaus zu denken, was ihre
starren Strukturen ins Wanken bringen könnte.
»Die Kunst ist eine Brutstätte der Anarchie, die Künstler sind Ketzer,
Sektierer, gefährliche Aufrührer. Daher muss man, ohne zu zögern, die
Kunst verbieten«, schrieb 1962 Ilja Ehrenburg.
Und wir brauchen in diesem so enthemmten Kapitalismus genau diese
Brutstätte so dringend und müssen vehement gegen diese Verbote
rebellieren.
Lasst uns die Gefängnisse zu Brutstätten der Anarchie machen!
Gerade in einer Welt, in der nicht immer die wirklich Schuldigen
inhaftiert werden und so viele Schuldige nie in den Knast kommen, weil
sie die besseren Anwälte haben und einfach genug Geld, um sich frei zu
kaufen, ist es so wichtig, dass die Gefangenen ihre Stimme erheben. Es
ist eine zynische Welt, in der es im Namen des Profites erlaubt ist,
Menschen auszubeuten und die Natur und das Klima zu zerstören, aber das
Aufbegehren dagegen genauso unter Strafe steht wie das Fahren ohne
Fahrschein oder das Essen von Lebensmitteln, die von Unternehmen
weggeschmissen werden.
Eingesperrt zu sein heißt auch ins eigene Selbst eintauchen zu können,
ein geistiges Erleben, das man vorher vielleicht noch nie hatte.
Versteht mich nicht falsch - man muss sich nicht einsperren lassen um
neue Horizonte zu sehen! Aber wenn es nun mal passiert ist kann man auch
daraus lernen. Über »Die Kunst des Scheiterns« habe ich vor vielen
Jahren ein Buch geschrieben und ich weiß, wovon ich spreche, wenn es ums
Scheitern geht.
Ich möchte euch aber auch noch eine Leseempfehlung und weitere
Motivation zum Schreiben mit auf den Weg hinter und außerhalb von
Gefängnismauern geben: Es sind zwei Beispiele wunderbarer Literatur und
Reflexion, die zeigen, wie wichtig Poesie, Sprache und Kunst für unser
Überleben vor allem unter den extremsten Bedingungen der
Unmenschlichkeit sind. »Wir mussten davon ausgehen, dass wir nicht mehr
rauskommen würden, dass uns nur blieb, in Würde zu widerstehen.« 1972
wurde der Schriftsteller und Dramatiker Mauricio Rosencof als
Mitbegründer der linken Befreiungsbewegung MLN-Tupamaros in Uruguay
verhaftet. Insgesamt 13 Jahre Folter und Gefängnis hat er bis zu seiner
Freilassung 1985 überlebt, die meisten davon als »Geisel der
Militärdiktatur« in absoluter Isolationshaft, versteckt in den
schlimmsten Kerkerverließen in den Kasernen der Armee.
Sein Roman »Der Bataraz« (Der Hahn) - 1995 erstmals auf Deutsch
erschienen im Verlag Assoziation A, Berlin/ Hamburg - erzählt von der
»Zeit, in der nichts passiert« und vom Überleben »in der Phantasie, in
der Vorstellungswelt und den Träumen.« In einer Welt, in der im Namen
der Menschenrechte gefoltert wird, und in der die sogenannte
Zivilisation den Krieg, das Massaker und den Ausnahmezustand längst zum
Normalzustand erklärt hat, kann dieses literarische Meisterwerk helfen,
die herrschende Realität in keiner Situation, mag sie noch so
hoffnungslos erscheinen, zu akzeptieren. »Jahrelang NICHTS, wie sollen
wir davon erzählen?« Der Roman »Bataraz« ist die literarische Antwort
darauf. Um Mensch zu bleiben, was nur im Widerstehen möglich ist.
In einem großartigen Erinnerungsdialog aus den Kerkern der
Militärdiktatur in Uruguay ruft Rosencof darüber hinaus gemeinsam mit
seinem Freund »Nato« Fernändez Huidobro ihre Erfahrungen in jenem Reich
der Stille und des Terrors wach. Die beiden Überlebenden der
Militärdiktatur erzählen, »wie sie, -wie Efeu an der Mauer- dem Leben
verhaftet, ihre Würde als Menschen vor einem System retten konnten, das
sie in den Wahnsinn treiben und in leblose Dinge verwandeln wollte«,
schrieb der berühmte Schriftsteller Eduardo Galeano in seinem Vorwort
zur ersten deutschen Ausgabe 1990. Anlässlieh der Verfilmung des viele
Jahre auf Deutsch vergriffenen Buches, hat es der Verlag Assoziation A
dankenswerter Weise mit dem Titel »Kerkerjahre: Als Geiseln der
Militärdiktatur in Uruguay« neu verlegt. Kerkerjahre ist ein
universelles Manifest des Überlebens, der Menschlichkeit, der
Solidarität unter (politischen) Gefangenen. Ein großartiges
literarisches Dokument der Reflexion über das Gefängnis und die Folter,
das Mut macht für ein freies Leben in einer anderen Gesellschaft zu
streiten. »Dieses Buch feiert einen Sieg der menschlichen Sprache,«
schrieb Galeano über diesen einzigartigen und zugleich universellen
Erinnerungsdialog aus den Kerkern der Diktatur in Uruguay.
Die Poesie, die Kraft der Sprache und die Solidarität können Mauern
sprengen -lasst uns in diesem Sinne weiter schreiben und streiten für
eine herrschaftsfreie Welt. Literatur im und aus dem Gefängnis ist
überlebenswichtig! Und so möchte ich mich bei allen Preisträger*innen
des diesjährigen Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises von Herzen für ihre
Texte bedanken.
Euer Konstantin Wecker
Gefängnisse sind hierzulande kein Thema. Sicherheit und Bestrafung
scheinen einigermaßen hinreichend gewährleistet. Die hohen, mächtigen
Mauern, zusätzlich durch reichlich Stacheldraht garniert, stehen
praktisch und symbolisch für die erfolgreiche Abschottung der Innenwelt
von der Außenwelt.
Als im Laufe der Pandemie angesichts der enormen Einschränkungen früher
selbstverständlicher Freiheiten eine heftige Diskussion um die
psychischen, physischen und sozialen Folgen des sogenannten Lockdowns
entbrannte, wurde in den einschlägigen Medien keinerlei Notiz von der
zusätzlichen Isolation in deutschen Gefängnissen genommen, wobei ja
immerhin 50 - 60 000 Gefangene keine unerhebliche Zahl sind. Die
Inhaftierten erleben nunmehr Tag für Tag eine doppelte Isolation.
Einerseits die verordnete rechtliche und auf problematische Weise im
Knast praktizierte Isolation, andererseits das zusätzlich erzwungene
Alleinsein in Folge der Pandemie.
Ich erwähne dieses ja nicht unbekannte, aber auffällig tolerierte
Desinteresse am Gefängnis und den damit verbundenen gesellschaftlichen
Schaden, um meinen eigenen Weg zu dieser Thematik und meiner Begegnung
mit dem deutschen Gefängnis, den Gefangenen und ihrer unerträglichen
Isolation (Pandemie im Strafvollzug) anzudeuten. Denn vierzig Jahre
meines Lebens war ich selbst nicht frei von dieser Art der Ignoranz.
Wohl hatte ich über Reisen und internationale Literatur ein Interesse
gefunden an Zuständen in der sog. Dritten Welt, an Ausbeutungs- und
Unterdrückungsmechanismen, auch die vielfältigen Verletzungen der
Menschenrechte in Form von Folter in den Gefängnissen jener Länder,
hatte Künstler und Literaten als Gäste in meine Seminare eingeladen,
mich in den siebziger Jahren um chilenische Emigranten gekümmert, auch
Kontakte zu Amnesty International geknüpft. All dies hatte mir einen
Blick auf das deutsche Gefängniswesen noch nicht eröffnet.
Dies geschah abrupt durch das Lesen eines Flugblatts des Asta der
Universität Münster. Die Studenten protestierten dagegen, dass vom
Direktorium der Germanistik ein angekündigtes Seminar mit dem Titel
»Gefangenenliteratur« verboten worden war. Dies alarmierte mich als
Zeichen einer unangemessenen Form der Verletzung des Menschenrechts auf
Meinungsfreiheit, auch, wie mir schien, als Zeichen einer traditionellen
universitären Arroganz gegenüber minderen Kulturen am Rande der
Gesellschaft. In einer großen Protestversammlung sprach Erich Fried die
hohe Zahl inhaftierter Schriftsteller an, die wegen ihrer kritischen
Literatur und der Wahrnehmung ihrer Rechte auf freie Meinungsäußerung
verhaftet und oft genug gefoltert oder auch hingerichtet worden sind.
Ihr Hinnehmen der Inhaftierung sei mithin ein Zeichen für eine wache
demokratische Gesellschaft und verdiene ein Lob statt eines Verbots.
Wenig später erschien von M. Reich-Ranicki, dem seinerzeit wohl
bekanntesten Kulturkritiker, ein großer Artikel in der Zeit über
Peter-Paul Zahl, der, in einem deutschen Gefängnis inhaftiert, viel
beachtete Literatur schrieb. In dieser war eines seiner Themen die von
ihm authentisch erlebte Gefängnissituation, mit der er sich konkret und
mit kritischer Schärfe auseinandersetzte. Er war es auch, der nicht nur
auf die Gefängnisliteratur generell aufmerksam machte, sondern vor allem
auch auf den historisch einmaligen und erstmaligen Charakter der
gegenwärtigen Gefangenenliteratur. Es ist dies nicht mehr eine Literatur
von Gefangenen aus dem bürgerlichen Milieu mit entsprechender Bildung
und oft wegen politischer Aktivitäten inhaftiert, sondern von »sozialen
Gefangenen« aus den meist unteren Milieus, die in der Vergangenheit
schon deshalb nicht geschrieben haben, weil sie das Schreiben nicht
gelernt hatten. Auch wenn ein Großteil der Gefangenen aus den unteren
Schichten mit sehr unterschiedlicher Bildung stammt, so ist doch
auffällig, wie viele fähig sind, über ihre Erfahrungen im Gefängnis zu
schreiben. Entstanden ist eine eigene, eigenwillige, wichtige
Schreibkultur am Rande der Gesellschaft und hinter Mauern verborgen.
Doch es gibt sie und bisweilen schafft sie es, die »Mauern zu
durchbrechen«, wie die schreibenden Gefangenen sagen und mit ihrer
Literatur bezeugen: »Es gibt uns, unsichtbar gemacht hinter diesen
Mauern und eingezwängt in verschlossene Zellen. Wir haben eine Stimme.
Wir müssen reden miteinander.«
Im Jahre 1977 wurde ein neues Strafvollzugsgesetz auf den Weg gebracht,
Jahrzehnte erst nach Entstehung der Bundesrepublik, mehr als ein halbes
Jahrhundert nach Gefängnisreformen in anderen Staaten Europas und den
Vereinigten Staaten. Es bedeutete einen entscheidenden Paradigmenwechsel
für das deutsche Gefängniswesen. Die obersten Ziele waren nun nicht mehr
Sicherheit, harte Bestrafung, Sühne, Ausschluss aus der Gesellschaft,
sondern die »Resozialisierung«, d.h. die Wiedereingliederung der
Gefangenen in die Gesellschaft durch die Erziehung zu einem straffreien
und sozialen Leben. Bei aller Skepsis gegen die vielen Kompromisse des
Gesetzes, in dem die Ausführungsbestimmungen den neubeschlossenen Zielen
oft genug diametral widersprachen, kam bei vielen Gefangenen doch
geradezu eine Euphorie auf. Sie sahen sich in dem neuen Gesetz nicht
mehr apriori als »Verbrecher« disqualifiziert, sondern als Menschen mit
dem Anspruch auf die »Würde« behandelt, wie sie die Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte als oberstes Gebot für alle Menschen fordert. Nur zu
deutlich wurde ihnen die Diskrepanz zwischen ihrer realen Situation im
Gefängnis und der gesetzlich neu definierten Zielsetzung für die
Behandlung der Gefangenen bewusst. Sie fühlten sich befugt, ja geradezu
aufgefordert, sich als Betroffene zu Wort zu melden. Sie versuchten ihre
Wegsperrung schreibend zu überwinden, schrieben Texte unterschiedlicher
Art, Gedichte, Erzählungen, Romane, Essays, Aufrufe, veröffentlichten
sie auf eigene Faust in Gefangenenzeitungen, die erstmals in großer Zahl
erschienen, oder auch in renommierten Verlagen, die zunehmend Interesse
daran entwickelten.
Ich kann mich, als wäre es heute, daran erinnern, wie es mir bei der
ersten Begegnung mit den Texten der Gefangenenliteratur erging. Ich war,
so kann ich wohl sagen, sehr betroffen, wenn nicht bestürzt und sogar
erschüttert. Die Gefangenen beschrieben in ihren Texten sehr konkret
ihren Alltag, ihr Leben in den Zellen, tags und nachts, die Begegnungen
mit anderen Gefangenen bzw. die Nichtbegegnungen, die Vereinsamung, die
Trennung von ihren Familien, ihr Leben, dass sich über Jahre und
Jahrzehnte zwischen engen vier Wänden bewegt bzw. nicht bewegt, sie
beschrieben in der gleichen genauen Form die Wirkung dieses Lebens auf
sich, die Verzweiflung, den Hass, die Sehnsucht, die Sinnlosigkeit, die
vielen Suizide. Sie schrieben sowohl auf, was in ihrem Innern vorging
als auch im praktischen Alltag. Es ist dies eine authentische,
dokumentarische Literatur. Über eine Wirklichkeit dicht neben uns,
versteckt hinter Mauern nicht ohne Grund. Denn was dort im Verborgen
geschieht, ist erschreckend, skandalös, zutiefst beschämend. Dass mich
dieses Leseerlebnis noch Jahre später bis heute ein gutes Stück weit
antreibt, wundert mich nicht. Der Skandal Gefängnis lebt noch immer
fort. Die Gefangenen schreiben nach wie vor darüber. Es sind andere
Gefangene, aber in einer unveränderten Welt, teilweise, man kann es fast
nicht glauben, auch dieselben Gefangenen wie vor vierzig Jahren,
lebenslang hinter Mauern.
Recht bald nach dem ersten Kennenlernen der Gefangenenliteratur
begegnete ich der Herausgebergruppe der Gefangenenzeitung »Kuckucksei«
aus der JVA Schwerte, einer der ersten Gefangenenzeitungen neben dem
Berliner »Lichtblick«. Ursprünglich hatte sich die Gruppe als eine Art
Selbsthilfeverein gegründet, um sich gegen die Gewalt der
Gefängnissituation psychisch und physisch behaupten zu können. So
gestärkt beobachteten sie die Reformtendenzen mit den neuen
Rechtsansprüchen und Freiheiten, nutzten ihren neuen Anspruch auf
Schreibwerkzeug und Papier und testeten die Möglichkeiten des Schreibens
und Verbreitens des Geschriebenen aus. Es entstand eine eigene Zeitung,
die sowohl im Gefängnis als auch außerhalb an interessierte LeserInnen
verteilt wurde. Eine Besonderheit bestand darin, dass sie neben dem
journalistischen einen literarischen Teil enthielt. Klage, Anklage,
Widerstand blieben die Grundhaltungen der Gefangenenliteratur sowohl in
ihrer diskursiven als auch in ihrer emotionalen, poetischen
Schreibweise. Das Interesse daran war auch bei einem Publikum außerhalb
der Mauern zur damaligen Zeit beachtlich. So entstand beispielsweise
eine Initiative »Mit Worten unterwegs«, in der SchriftstellerInnen
ihrerseits in die Gefängnisse gingen und Begegnungen mit den Gefangenen
suchten.
Das Selbstbewusstsein der Redaktion des »Kuckucksei« wuchs. Dass mit dem
beachtlichen Engagement der Gruppe noch kein Zeitalter eines neuen
Knastsystems entstanden war, wurde nach wenigen Jahren allerdings
deutlich, als die Zeitschrift nach einer offenen Kritik am
Justizminister zumindest vorübergehend eingestellt und die Redaktion
ausgewechselt wurde. Wir hatten der couragierten Redaktion damals bei
der Verleihung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene einen
Sonderpreis verliehen.
Meinerseits bot ich Seminare im Rahmen der Deutschlehrerausbildung an.
Es waren Seminare, die nach Humboldtschem Vorbild als Einheit von
Forschung und Lehre organisiert waren. Studierende und Dozent
erforschten gemeinsam eine neu im Rahmen einer Gefängnisreform
entstandene literarische Form: die Gefangenenliteratur. Die Studierenden
waren durchgängig ähnlich betroffen, alarmiert und beschämt über die in
den Texten beschriebene Alltagsrealität, so dass sie sich mit großem
Engagement auf die Entdeckungsreise in diese so nah liegende und doch
durch gewaltige Mauern, Stacheldraht und Wachtürme versteckte Welt
begaben, in der ersichtlich und in den Texten der Gefangenen sehr
konkret und kritisch deutlich wurde: der gravierende Widerspruch
zwischen dem Gesetzesauftrag, die Gefangenen zu befähigen, ein
strafloses Leben in Freiheit und sozialer Verantwortung zu führen und
dies in einem Lernprozess, in dem ihre Würde im Sinne der Grundrechte
geachtet blieben.
Die Studierenden lasen und interpretierten die Texte nicht nur mit den
einschlägigen Interpretationsmethoden, sondern sie mussten sie erst
einmal suchen und beschaffen, insbesondere galt dieses auch für die
Gefangenenzeitungen, von deren Existenz wir nur zufällig erfuhren und
von denen nur eine unzureichende Liste existierte. Ich darf diese
Entdeckungsfahrt kurz in Form einer Anekdote erzählen, weil sie auch
wegen des literatursoziologischen Aspekts nicht ganz uninteressant ist.
In einer Beratungsrunde kam die Frage auf, wer die JVAs bzw. die bereits
vorhandenen Adressen der Zeitschriften anschreiben und um ein Exemplar
bitten sollte. Wir entschieden uns für eine studentische Arbeitsgruppe
in der Annahme, dass die Gefangenen durch das geringere Gefälle vom
»Knacki« zum »Studi« eher ansprechbar wären. Es kamen drei Antworten, 50
bis 60 hatten wir erwartet. Die Gefangenen empfanden die studentische
Welt offensichtlich nicht als die ihre. Wir probierten einen weiteren
Anlauf. Am Seminar nahm ein Berufsschullehrer teil, der im Rahmen der
Unterrichtung von Lehrlingen mit und ohne Hauptschulabschluss für deren
Zukunftsplanungen tätig war und die Wichtigkeit der Realität des Knastes
anhand von Gefangenenzeitungen und der Erfahrungen der Gefangenen in
ihrem Leben gern in den Unterricht mit einbeziehen wollte. Wieder nur
zwei oder drei Antworten. Und jetzt der Herr Professor, mit dem
größtmöglichen sozialen Abstand? Skepsis, trotzdem ein Versuch. Was
blieb uns sonst? Es trafen ca. 50 Zeitungen ein. Die Erklärung?
Vielleicht so? Wir, die Gefangenen, fühlen uns ernst genommen, wir sind
nicht der letzte Dreck. Wir haben es erst neuerdings aus dem neuen
Strafvollzugsgesetz bestätigt bekommen. Es gibt auch Menschen in
etablierten Schichten, die unsere Sprache verstehen.
Immerhin war dies ein Start, es entstand eine Sammlung von
Gefangenenliteratur, ein Archiv von Gefangenenzeitungen (heute im
Bundesarchiv Koblenz gelagert in Kooperation mit dem Strafvollzugsarchiv
der Fachhochschule Dortmund), es gab Lesungen von Schriftstellern aus
dem Knast, Begegnungen zwischen schreibenden Gefangenen und
SeminarteilnehmerInnen an Ort und Stelle in Gefängnissen und auch in
Universitätsräumen.
Interessant war die Reaktion der Studierenden am Ende des sich über ein
Jahr erstreckenden Seminars. Die Frage war: Was jetzt? Einig war man
sich darin, dass ein einfaches Abhaken des Seminars nach üblicher Praxis
nicht passte. Mindestens sei doch ein Briefverkehr angesagt, der für die
weggesperrten Gefangenen so wichtig, ja lebensentscheidend sein könne.
Am besten kam der Vorschlag an, weitere Mitstudierende in jenen
Kenntnisstand zu versetzen, der ihnen selbst zu Teil geworden war. Also
eine Textsammlung zur Gefangenenliteratur herzustellen. Dazu noch einen
Kommentar in kritischer Hinsicht über die Verhältnisse hinter den Mauern
und die Verantwortlichen für die sozialen und politischen Missstände. Es
entstand ein gar nicht einmal so kleiner Arbeitskreis, der wöchentlich
tagte. Er tagte nicht in der Universität, sondern im Lokal »Haus
Frauenstraße 24« in Münster. Dort bediente Andy, der unserem
Arbeitskreis angehörte, den Bierhahn. Er verrichtete diese Arbeit schon
etliche Jahre und galt als eine Institution. Denn das »Haus Frauenstraße
24« war das erste besetzte Gebäude in der Geschichte der bundesweiten
Hausbesetzungen, an der er beteiligt war. Wir befanden uns mit unserem
Gefangenenliteraturprojekt also durchaus in einem passenden historischen
Kontext. In diesem ehrwürdigen Gebäude initiierten wir auch
zwischenzeitlich die eine oder andere Lesung. Die Sammlung geeigneter
Texte schritt voran, ein kleinerer Verlag zeigte sich interessiert,
pünktlich zur Frankfurter Buchmesse war das Buch fertig geworden:
»Ungehörte Worte. Gefangene schreiben. Eine Dokumentation aus deutschen
Gefangenenzeitungen« (Tende 1982).
Es stellte sich dann mit dem Ende der Arbeitsgruppe die Frage der
Fortführung eines solchen Schwerpunktes. Die Universität billigte die
Einrichtung eines Arbeitsbereichs Randgruppenliteratur, er wurde vor
allem im personellen Bereich durch die Stadt Münster und den DGB
unterstützt, so dass in Forschung und Lehre eine produktive
Arbeitsmöglichkeit gegeben war. So konnte eine Reihe von Projekten
realisiert werden. Im Mittelpunkt stand zunächst die Archivierung von
Gefangenenzeitungen und Gefangenenliteratur. Zu dieser Thematik wurden
zugleich erstmals grundlegende, wissenschaftliche Forschungsergebnisse
vorgelegt: Koch, Helmut, Klein, Uta (Hg.): Gefangenenliteratur.
Sprechen, Schreiben, Lesen in deutschen Gefängnissen (1988). Klein, Uta:
Gefangenenpresse. Ihre Entstehung und Entwicklung in Deutschland (1992).
Vomberg, Anja: »Hinter Schloss und Riegel«. Vergleichende Analyse von
Gefangenenzeitungen aus Nordrhein-Westfalen und Brandenburg (1999).
Keßler, Nicola: Schreiben, um zu überleben. Studien zur
Gefangenenliteratur (2001). Keßler, N., Klein, U., Koch, H.H., Theine,
E.: Menschen im Gefängnis. Texte und Materialien für den schulischen und
außerschulischen Unterricht (1996). Ferner entstand eine Kooperation mit
der Ingeborg-Drewitz-Gesamtschule und eine Behandlung der Thematik
Gefangenenliteratur im Deutschunterricht. Andere Akzente setzten wir mit
einer deutschlandweiten Rundreise zum Thema »Kunst und Literatur im
Knast«. Wiederum anderen Anforderungen begegneten wir bei der
Beschäftigung mit Gefängnis in Südamerika, insbesondere unter dem Aspekt
der Theologie der Befreiung. In den von Ernesto Cardenal ins Leben
gerufenen »Talleres de Poesia« (Schreibwerkstätten) schreiben nicht die
Gebildeten aus der Oberschicht, sondern Bauern, Arbeiter, Menschen aus
einfachen Verhältnissen. Weitere Themen waren »Frauen im Gefängnis« in
Koopeation mit Raimund Neufeld, Briefe und literarische Texte von
widerrechtlich im Gefängnis untergebrachten Asylbewerbern, Texte aus der
Forensik/Psychiatrie, ferner die Gefängnisproblematik im Kinder- und
Jugendbuch. Auch führten wir Schreibseminare im Gefängnis mit
Inhaftierten durch und im universitären Bereich Veranstaltungen zur
Schreibtheorie, dazu die Durchführung von Seminaren zur Thematik von
Gefängnisliteratur. So entstanden diverse Staatsarbeiten, es wurden auch
Staatsprüfungen zur Gefangenenliteratur abgenommen. In einer gemeinsamen
Aktivität von MitarbeiterInnen von Amnesty International und mir
publizierten wir eine Textsammlung mit authentischen, internationalen
Beschreibungen von Menschenrechtsverletzungen mit dem Titel »Die Frauen
von der Plaza de Mayo«. In diesem Lesebuch für Jugendliche war auch das
deutsche Gefängnis Thema, mit einem berührenden und gleichzeitig
kritischen Text aus dem oben bereits erwähnten Buch »Ungehörte Worte«.
Das Lesebuch »Die Frauen von der Plaza de Mayo« wurde mit dem Deutschen
Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Thema des Arbeitskreises
Randgruppenliteratur war auch die Gefangenenliteratur aus dem
DDR-Gefängnis. Allerdings gab es zu DDR-Zeiten so gut wie keine
Gefängnisliteratur, da sie strengstens verboten war. Erst nach der
Wiedervereinigung entwickelte sich eine Schreibkultur ehemaliger
Inhaftierter aus DDR-Gefängnissen.
Ein eigener kleiner Verlag wurde gegründet: Edition amRand, in der auch
Texte von Gefangenen publiziert wurden. Beispielsweise das Buch »Mit der
Flaschenpost über einen Ozean«. Es enthielt Briefe von Gefangenen und
wurde im bayerischen Gefängnis erst nach juristischem Widerspruch
ausgeliefert.
Helmut H. Koch
Der Elan der ersten Stunde mit Verabschiedung des Strafvollzugsgesetzes,
so mussten wir bald feststellen, dauerte nicht lange an. Umfragen der
Meinungsforscher ergaben bundesweit im Laufe der achtziger eine Zunahme
konservativer Stimmungen, den Wunsch nach einer strengeren
Regierungsführung, eine zunehmende Sehnsucht nach autoritärer Leitung,
eine verschärfte Bestrafung von Unrecht, eine entsprechende rigide
Behandlung von Straftätern anstelle einer humanen, gesetzlich gewollten
Umgangsweise mit den Gefangenen. Immerhin hatte sich mittlerweile
hinsichtlich der Förderung der Gefangenenliteratur ein
Interessentenkreis gebildet, aus dem sich die Idee entwickelte, einen
Literaturpreis für Gefangenenliteratur zu stiften. Ziel war, dieser Art
der Literatur mehr Öffentlichkeit zu verschaffen, zugleich aber auch
eine Brücke zwischen der hinter Mauern verborgenen Welt und der Welt
draußen zu bauen. Den Kern dieser Interessensgemeinschaft bildeten
zunächst die Gefangeneninitiative Dortmund mit ihrer engagierten
Leiterin Regina Merkel. Diese Initiative verband ihre Betreuungsarbeit
immer auch aktiv mit einer kulturellen Förderung der Gefangenen. Unter
anderem auch durch die Einrichtung einer Buchfernleihe, bei der
Gefangene bundesweit Bücher ausleihen konnten. Zum Unterstützerkreis für
die Förderung der Gefangenenliteratur zählte auch eine Gruppe
schreibender Gefangener aus der JVA Schwerte, die, wie erwähnt, die
Zeitschrift »Kuckucksei« herausbrachte und einen eigenen Verlag zu
gründen versucht hatte. Da man im Knast keinen Verlag gründen durfte,
wurde dieser Verlag von draußen betreut: der Reiner Padligur Verlag, in
dem auch die erste Anthologie des IDP mit preisgekrönten Texten
publiziert wurde. Johannes Feest hatte das Strafvollzugsarchivs Bremen
gegründet und brachte sich auch als Jurist intensiv für den
Literaturpreis ein. Mit an der Gründung dieses Preises waren auch
Mitglieder der evangelischen und katholischen Gefängnisseelsorge
beteiligt, weiter auch schreibende Gefangene, die einen regelmäßigen
Kontakt zur Forschungsstelle Randgruppenliteratur an der Universität
Münster hielten. Mit der Chance e.V. Münster existierte bereits eine
enge Kooperation. Die zuvor schon erwähnten wissenschaftlichen
MitarbeiterInnen und auch weitere, die im Laufe der Jahre
Gefangenenliteratur betreut hatten, stützten die Gründung des Preises.
Etwas später gesellte sich auch die Humanistische Union zum
Unterstützerkreis.
Der Literaturpreis für Gefangene wurde nach dem Namen der
Schriftstellerin Ingeborg Drewitz benannt. Diese gehörte in den
sechziger und siebziger Jahren der Leitung des deutschen
Schriftstellerverbandes an und engagierte sich insbesondere bei sozialen
und politischen Fragestellungen. So unterstützte sie die ersten
Schreibwerkstätten in den siebziger Jahren, war auch an der Gründung
einer ersten Frauenzeitung beteiligt und stand mit einer Reihe von
schreibenden Gefangenen im Briefwechsel. Sie setzte sich insgesamt
kritisch mit der missratenen Gefängnisreform auseinander.
Nachdenkenswert ihre Aussage:
Das Gefängnis wird sich erst dann wirklich verändern, wenn sich die
Gesellschaft verändert.
1989 wurde der »Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene« zum
ersten Mal verliehen. Er wird im Rhythmus von drei Jahren vergeben. Die
besten Texte werden von einer Jury ausgewählt. Die Jury setzt sich aus
ca. sieben Personen zusammen, die verschiedene Schwerpunkte
repräsentieren, auch gehören der Jury zwei ehemalige Gefangene an. Seit
den nun schon über dreißig Jahren, in denen der Preis ausgeschrieben
wird, stößt er auf relativ großes Interesse. An Bewerbungen erreichen
uns bisweilen bis zu 300 Einsendungen, darunter von einigen Bewerbern
mehrere Texte bis hin zu umfangreichen Romanen, so dass die Bewältigung
teilweise über 1000 Seiten zu lesen bedeutet.
Die Preisverleihung ist wichtig, nimmt sie doch die Gefangenen ernst und
zudem erfährt auch die Öffentlichkeit etwas von dem, was sonst hinter
Mauern verdeckt bleibt. Einen Literaturpreis an Gefangene zu verleihen
ist, wie sich bisweilen zeigte, verglichen mit einschlägigen
Literaturpreisen, etwas Besonderes. Bereits die erste Preisverleihung
war nicht ohne Schwierigkeiten. Zwei Tage vor der Verleihung wurde uns
durch einen Anruf vom Rathaus Hamm abgesagt. Es bestand die Annahme,
dass ein Mitglied der Baader-Meinhof-Gruppe unter den Preisträgern sei.
Dies war falsch und so konnte die Verleihung gerade noch stattfinden.
Verschiedentlich gab es Versuche, die Bedeutung des Preises in Frage zu
stellen. Einmal z.B. titelte die Bildzeitung »Knastdichter als
Bankräuber«. Allerdings war die Preisverleihung um 11 Uhr und der
Bankraub auch um 11 Uhr, und so kamen dafür unsere Preisträger des IDP
nicht in Betracht.
Das Motto des diesjährigen IDP lautete »Emotionen verboten. Emotionen
verbogen.« Das Thema der Emotionalität ist für die Gefangenen von hoher
Bedeutung. »Die 7m2 Einsamkeit sind nicht nur ein physisches, sondern
auch ein mentales Gefängnis, in dem es neben Bett, Tisch, Schrank und
Badkeramik kaum Platz für Emotionen gibt.« (N.F.B.) Die Bedingungen im
Strafvollzug behindern eine Entwicklung der Emotionalität und lassen es
nicht zu, diese in positiver Form zu leben. »Und wie ich es gelernt
habe, zeige ich euch meine Qual nicht. Ihr bekommt mein allerschönstes
Lächeln. Und in eurer Verblendung, das Recht auf eurer Seite zu haben,
erniedrigt ihr uns weiter, Tag für Tag.« (R.E.) Sehr belastend, um mit
der eigenen Emotionalität umzugehen, ist die weitgehende Trennung von
der Familie / den nächsten Angehörigen, die Isolierung einzelner
Gefangener in ihren Zellen. »lch funktioniere. Ich habe eine dicke Mauer
aufgebaut. Nach außen bin ich die Vorzeige-Inhaftierte, die immer
versucht zu lächeln, nett und freundlich ist. Aber im Inneren bin ich
gebrochen. Ich weine, sobald die Tür geschlossen ist.« (Nina) Auch die
Begrenzung der Freizeit auf einen oft nur sterilen Aufenthalt von einer
Stunde, die Gewaltstrukturen unter den einzelnen Gefangenen und die
Tabuisierung und weitgehende Verhinderung normaler Sexualität lassen die
eigenen Gefühle, das was uns Menschen im Wesen ausmacht, verkümmern.
»Die meiste Zeit jedoch ist für Emotionen wenig Platz, denn der Knast
ist noch immer ein Mikrokosmos, in dem Gefühle gleichbedeutend mit
Schwäche sind, und Schwäche sollte man in dieser Umgebung nicht zeigen.«
(N.F.B.) Alleingelassen zu sein mit unverarbeiteten Konflikten ist
schwer, und weiter belastend kommt noch eine große Drogenproblematik
hinzu. »Er verlor sich in Illusionen, nur um die innere Leere irgendwie
zu füllen. Damit war und ist er nicht allein. Alkohol, Drogen,
Fernsehen, übermäßiges Essen, exzessiver Körperkult um der Realität zu
entfliehen.« (Rero W.)
Die Problematik dieser vielfach behinderten und unterentwickelten
Kommunikation kann, wie die Erfahrungen zeigen, in positiver Weise durch
das Schreiben angegangen werden, in einer Art Selbsttherapie. »Was
bedeutet das Schreiben für ihn? Eine Möglichkeit, das auszudrücken, was
er in Gesprächen mit Anderen nie preisgeben würde. Mit Worten Bilder für
das innere Auge malen, schriftliche Bewusstwerdung von Gefühlen,
Gedanken und was sich dahinter verbirgt. Schreiben, um Abstand zu
schaffen, den Blickwinkel zu ändern, eigene Wahrnehmungen und Ansichten
zu hinterfragen.« (Rero W.) Insofern kann ein solches Motto wie das der
»Emotionen« im Gefängnis auch zur Bearbeitung anregen. Es kann auch
kommunikationsstiftend sein durch den Austausch der geschriebenen Texte,
gegebenenfalls in Schreibgruppen einzelner Anstalten. Es kann zudem über
die Publikation dazu beitragen, dass in der Öffentlichkeit eine größere
Aufmerksamkeit erzielt wird, überhaupt das System Gefängnis wahrzunehmen
mit den damit verbundenen sozialen und psychischen Folgen bei den
Inhaftierten.
Noch schwieriger als sonst war diesmal die Ausgangssituation zur
Ausschreibung des IDP wegen der Belastung der Gesellschaft drinnen und
draußen durch Corona. Wir waren uns bewusst, dass auf die Gefangenen
eine besondere Belastung zukommt. Wie reagieren sie unter diesen
Umständen auf die Ankündigung und Ausschreibung des Literaturpreises?
Tatsächlich hatten wir nach einem halben Jahr weniger Einsendungen als
üblich. Wir haben deshalb die Bewerbungsfrist verlängert. Schließlich
haben wir 150 Einsendungen erhalten: Erzählungen, Romane, Gedichte,
Rapp, Essays und ein speziell konzipiertes Wörterbuch.
Während ich dies schreibe, kommt immer wieder die Frage, ob die
Veranstaltung wirklich durchgeführt wird. Ist eine Reise der Preisträger
unter Coronabedingungen überhaupt möglich? Solche Reisen sind für die
Gefangenen äußerst schwierig. Viele Knastleitungen verweigern den
Transport sowieso schon mit dem Argument des Personalmangels. Eine Reise
von Brandenburg nach Dortmund zur Preisverleihung kann wegen
verschiedener Zwischenstationen durchaus bis zu 14 Tage dauern. Reisen
ist mit Corona für alle schwieriger geworden, um vieles mehr für die
Gefangenen. Außerdem gibt es laufend Krankmeldungen bei den
Angestellten. Es herrscht Personalnotstand. Die Gefangenen können nur
noch selten aus ihren Zellen herausgelassen werden. Sport und Therapie
findet nicht statt. Besuchszeiten sind beschränkt. Besuche sind
schließlich verboten. Die, die im Gefängnis ohnehin schon stark durch
die »normale« Isolation belastet sind, fühlen sich zusätzlich extrem
allein gelassen. »Ich blicke durch mein vergittertes Fenster. Wie immer
ist der Innenhof zu sehen. Nur die Jahreszeit verändert mein von einem
staubigen Vorhang gerahmtes Bild. Ich fühle die Einsamkeit und spüre,
wie mir eine große Traurigkeit die Luft nimmt. Corona macht alles noch
schlimmer. Die Welt da draußen hat mich ohnehin schon vor langer Zeit
vergessen. Die fürsorgende Justizkrake hat mich vor lauter Pandemiepanik
gepackt und tief hinab ins eiskalte Meer gezogen. Man hat mir jetzt
alles genommen. Keine Besuche, keine Ausführungen, keine Ansprache. Die
Post kommt noch unregelmäßiger als zuvor. So muss es wohl sein, wenn man
lebendig beerdigt wird, denke ich. Ich möchte glauben, dass die Welt da
draußen nun versteht, was es bedeutet, eingesperrt zu sein. Doch keiner
denkt an mich. Keinen kümmert es.« (Markus Krieg)
Unter all den eingesendeten Texten, die wir seit dem Ausschreiben des
IDP bekommen haben, waren bisher nur wenige, die sich mit
Kriegs-/Terrorsituationen befassten. Dies mag sicher auch an der
Erreichbarkeit und Sprachfähigkeit von Gefangenen aus Kriegsgebieten
liegen. Doch es gibt diese schmerzvollen Texte. »Ich öffne meine Augen
und schließe sie wieder, denn was ich sehe, lässt mein Herz in tausend
Stücke brechen … Ich drehe meinen Kopf nach links und sehe einen kleinen
zierlichen Jungen, welcher mich mit einem leeren Blick beobachtet. Ich
schaue in hellbraune Augen, die mit Trauer gefüllt sind, sie wollen
schreien, aber sie sind still. Es scheint, als würde er innerlich
sterben, in jedem Moment, Stück für Stück. … Ich schaue genau hin,
direkt in den zertrümmerten Spiegel, welcher links neben mir steht. Der
kleine, zerbrechliche Junge … bin ich. Ich weine still und vergrabe mein
Gesicht in meine Knie und erinnere mich an diese schrecklichen Bilder,
welche ich nie wieder aus meinem Kopf bekomme.« (Redur) Es ist zu
vermuten, dass es in den Gefängnissen mehr dieser schrecklichen Gefühle
gibt.
Verschiedentlich haben wir bei der Preisverleihung des IDP einen
Sonderpreis vergeben. Für Texte, die uns eingereicht wurden, aber in
ihrer Art nicht der engeren Form eines Literaturpreises entsprachen.
Dieses Mal haben zwei Gefangene aus dem Maßregelvollzug und der Klinik
für Psychiatrie ein äußerst umfangreiches Wörterbuch im Umfang von 300
Seiten erstellt, in dem sie die Sprache dieser Institutionen kritisch
hinterfragt haben. Sie haben dies nach dem Vorbild berühmter
Sprachwissenschaftler (u.a. Victor Klemperer, Sprache des Dritten
Reiches; Sternberger, Storz, Süskind, Aus dem Wörterbuch des Unmenschen)
und vieler verschiedener Schriftsteller getan, die in ihren Analysen im
Sprachgebrauch der Institutionen und ihrer Betreiber und Angestellten
die Verschleierung realer, kritischer Situationen nachgewiesen haben.
Wie wichtig ein solch kritischer Umgang mit dem Missbrauch der Sprache,
der Verschleierung und Verkehrung der Realität ist, ist ja in der
Gegenwart nur zu gut zu erkennen am Beispiel des Kriegsverbrechers Putin
mit dem Einsatz des Begriffs »Faschismus« und der Leugnung des Wortes
»Krieg« und der damit erreichten Desinformation eines
Millionenvolkes.
An dieser Stelle erspare ich mir die genaue Vorstellung des
Sonderpreises, da die beiden Schriftsteller Helmut Pammler und Frank
Bieber-Kopf in hervorragenden Kommentierungen ihr Werk selbst erläutert
haben. Auszüge so wie das Vorwort haben wir beispielhaft veröffentlicht.
Der komplette Abdruck von 1000 Wortanalysen hätte unser Buch
gesprengt.
Wenn ich dies nun alles sehe, wenn ich die Texte dieses Bandes lese,
muss ich gestehen, bin ich, auch wenn ich mich schon wie erwähnt viele
Jahre mit der Thematik beschäftigt habe, stark berührt und nicht ohne
einen gewissen Zorn darüber, dass es immer noch so wichtig ist, dass die
Gefangenen über Ihre Situation schreiben. Es war und ist die Hoffnung
mit dem Schreiben und Lesen dieser Texte verbunden, dass das bestehende
Gefängnissystem sich durch das Engagement vieler Menschen doch
verändern, genauer gesagt entscheidend verbessern ließe. Das ist
ersichtlich nicht geschehen. Der zentrale Auftrag der Resozialisierung
ist unübersehbar immer noch in sein Gegenteil, die Entsozialisierung
pervertiert.
Ein ernsthaftes Umdenken für eine baldige Wende ist nicht zu sehen!
Mutmaßlich wird der Knast weiter im Schatten stehen unter den riesigen
Problemen von weiteren Pandemien, Welthunger, Klimawandel und Kriegen.
Also ist das warnende, aufklärerische, widerständische Schreiben
überflüssig, ein zahnloser Tiger?
Ich glaube nicht, im Gegenteil. Es ist wie aus jeder Zeile zu sehen, ein
Kampf und die Suche nach Sinn unter sinnlosen Verhältnissen. Ein, wie
Nicola Keßler in ihrer umfassenden Arbeit über Gefangenenliteratur sagt:
»Schreiben. um zu überleben.« Das ist mehr als genug.
Die Gefangenenliteratur zu lesen ist und muss allerdings mehr sein als
ein ästhetisches Vergnügen. Die Texte rufen auf, sie regen an über eine
Veränderung der Verhältnisse nachzudenken. Tut etwas, helft uns, setzt
euch für mehr Menschlichkeit ein. Eine solche Leseweise ist erlaubt,
gewünscht, notwendig. Martin Walser weist darauf hin, dass diese
Literatur so gelesen werden darf und muss.
Also sind wir dran. Wie lesen wir? Was nehmen wir davon auf? Nehmen wir
das Gelesene ernst? Wenn wir uns selbst ernst nehmen, müssen wir auch
das Gelesene ernst nehmen. Was folgt daraus? Was haben wir verändert?
Der Autor M.Krieg zweifelt die ersehnten und notwendigen Veränderungen
an. »Wie immer werden wir nichts aus dieser Sache lernen und später wird
sich auch keiner daran erinnern wollen, dass ein rechtsstaatlich
verurteilter Häftling einfach vergessen wurde.«
Wird es so sein?