# In jeder Nacht lacht der Teufel leise


In jeder Nacht lacht der Teufel leise


Inhaltsverzeichnis

# Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene 2011


Das Buch enthält literarische Texte von 16 Autoren und Autorinnen aus deutschen Gefängnissen, die mit dem Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene 2011 ausgezeichnet wurden. Sie beschreiben authentisch und literarisch anspruchsvoll, wie Gefangene die Haft erleben, ihre Einsamkeit, Ängste, Verzweiflungen, Empörungen, ihre Selbstbefragungen, ihre Hoffnungen, Träume, die Suche nach einem neuen Sinn. Sie stellen auch die Frage nach der Legitimation solcher Gefängnisse in einer Demokratie. Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene 2011 In jeder Nacht lacht der Teufel leise Mit einem Geleittext von Siegried Neuenhausen asso verlag ISBN 978-3-938834-60-2 Die Fotos des Buches dokumentieren künstlerische Arbeiten von Gefangenen aus dem Bildhauerprojekt Bremen-Oslebshausen, das von Siegfried Neuenhausen geleitet wurde.


# Inhalt

Zum Geleit Helmut H. Koch: Seitenblicke S.10 Siegfried Neuenhausen: Graben nach verschütteter Kreativität S.15 Bilddokumentation und Stimmen von Teilnehmern des Bitdhauerproiekts: S.18 Prämierte Texte Helmut Pammler: Literaturpreisverleihung S.34 Wäre ich ein Atomkraftwerk S.36 Ich soll sitzen S.37 Wände S.38 N.N.: dann wirst du wach … S.39 Solneman: Pestalozzi und eine lila Sonne S.41 Ines Bader: Leben Nummer Acht S.47 Dennoch S.51 Udo Blamberg: Wenn dich niemand sieht … S.52 N.N.: Sollbruchstellen S.56 Kenny Berger: Gitterkind S.57 Roman Kluke: Das Glänzen der Sonne S.59 Über die Jahre S.63 Ritchie und das Ende der SS-Strategen S.69 Ralf-Axel Simon: GEFANGEN S.76 Andreas Werner: Es ist ein Kreuz S.77 Stefan Augenstein: Jahreskonferenz S.83 Die Leute sind gut zu mir S.86 Maximilian Pollux: Der Fixstern S.87 Alina Polykowich: Traum S.90 Mario Münstermann: Morgens Brad Pitt S.91 Jürgen Landt: Der Sonnenküsser - Romanauszüge S.93 Thomas Henning: In jeder Nacht lacht der Teufel leise! S.102 Nachwort Johannes Feest: Schreibende Gefangene: beschwerlich & literarisch - Zum Verhältnis von Literaturpreis und Strafvollzugsarchiv S.114 »Beschwerliche Briefe« - Drei Textbeispiele aus dem Strafvollzugsarchiv S.120 Anhang Aufruf S.128 Aus Briefen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises S.129 Die Autorinnen und Autoren S.131 Liste aller Teilnehmerr-innen S.135 Die Jury S.139 Satzung des Ingeborg- Drewitz- Literaturpreises für Gefangene S.141 Bild- und Textnachweis S.144


# Der Trägerkreis

Der Trägerkreis des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene und zugleich Herausgeber dieses Buches sind: Dokumentationsstelle Gefangenenliteratur der Universität Münster Gefangeneninitiative e.V. Dortmund Strafvollzugsarchiv der Universität Bremen Bundeskonferenzen katholischer und evangelischer Gefängnisseelsorger Chance e.V. Münster Humanistische Union e.V., Landesverband NRW Arbeitskreis kritischer Strafvollzug

# Preisverleihung

am 20. November 2011, 11.00 Uhr, im Gästehaus der Universität Bremen


# Die Schirmherrschaft

Die Schirmherrschaft des Ingeborg- Drewitz- Literaturpreises 2011 übernahm: SIEGFRIED NEUENHAUSEN, geb. 1931 in Dormagen; deutscher Maler und Plastiker des Realismus; 1952-1959 Studium der Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf und der Philosophie an der Universität zu Köln; von 1956-1960 Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes. 1961-1964 Kunsterzieher in Hannover; seit 1964 Lehrtätigkeit an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig; seit 1968 Mitherausgeber der Zeitschrift Kunst und Unterricht; 1979 Gründung einer Bildhauerwerkstatt in der JVA Bremen-Oslebshausen; 1985-1988 erster Vorsitzender des Deutschen Künstlerbundes; 1989 Lebenshilfe Braunschweig: Mosaiken mit geistig Behinderten für den Neubau; 1990 Gastprofessur in San Antonio/Texas; 1996 Gastprofessur in Bandung (Indonesien); 1999 »Bauarbeiter«: Holzskulpturen mit Gefangenen der JVA Hannover. Die Werke Neuenhausens zeigen gesellschaftliche Widersprüche, orientieren sich an Themen der Gesellschaftspolitik und nutzen Kunst zur Emanzipation des Menschen. Seine Darstellung wurde im Laufe seines Schaffens radikaler und politischer, so setzte er gefolterte und torsohafte Menschen in Kisten, auf Stühle, und heftete sie als Kleiderrest an Bretterwände. Neuenhausen inszenierte moralische Appelle, wie 1970 mit der Skulptur Mann in Kiste, Holz, Textil, Polyester, Schaumstoff, Ölfarbe, 70 x 70 x 50 cm. Ihm geht es bei seiner Bildhauerei um gesellschaftspolitische Themen, die Entlarvung politischer Lügen und das Anprangern von Gewalt, Diktatur und Folter. Er arbeitete mit Gefangenen in Bremen und mit psychisch Kranken an Skulpturen in Hamburg-Ochsenzoll und in Wunstorf. Seit Jahren belebt er die Stadtteilkultur in Hannover- Hainholz. Gemeinsam mit Andreas Spengler war er Initiator der Ausstellung “Elementarkräfte - Werk und Schaffen psychiatrieerfahrener Künstler über 100 Jahre” in der städtischen Galerie Kubus der Landeshauptstadt Hannover (2010). Im Jahre 2011 wurde Siegfried Neuenhausen zu Ehren seines 80. Geburtstags eine Doppelausstellung im Sprengelmuseum Hannover (“Die Bürger von B”) und im Kunstverein Hannover (“Kleine Welten”) gewidmet.

# Zum Geleit

Helmut H. Koch Seitenblicke Der Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene wird nach seiner Gründung 1989 in diesem Jahr zum 8. Mal verliehen. Die Ausschreibung stand unter dem Motto » … wenn dich niemand sieht«. Die Resonanz war auch dieses Mal wieder beachtlich. Es gab über 300 Einsendungen von Gefangenen und ehemaligen Gefangenen. Die Jury hat daraus 23 Texte von 16 Gefangenen ausgezeichnet. Die Preisverleihung findet am 20. November in Bremen statt. Ziel des Preises ist die Förderung des literarischen Schreibens der Gefangenen und die Schaffung einer Transparenz zwischen der hermetischen Welt des Gefängnisses und der Öffentlichkeit. Wir sind Siegfried Neuenhausen zu großem Dank verpflichtet, dass er die Schirmherrschaft über die diesjährige Preisverleihung übernommen hat. Siegfried Neuenhausen genießt nicht nur ein hohes Ansehen mit seinem eigenen Werk, sondern hat sich um das Thema »Kunst im Knast« verdient gemacht. Bereits 1978 hat er ein beispielhaftes Bildhauerprojekt in Bremen-Oslebshausen mit Gefangenen realisiert. Die damals entstandenen Skulpturen sind noch heute im öffentlichen Raum zu sehen. Auch später hat er die Arbeit mit Gefangenen, neben der künstlerischen Arbeit auch mit psychisch Kranken und Behinderten, fortgesetzt. Erwähnenswert ist, dass im Anschluss an die Bildhauerwerkstatt im Oslebshausener Gefängnis 1988 vom Bremer Senat eine ständige Bildhauerwerkstatt mit fünfzehn Arbeitsplätzen eingerichtet worden ist, eine in Deutschland einmalige Institution. Die Fotos in diesem Band, die uns Siegfried Neuenhausen freundlicher Weise zur Verfügung gestellt hat, vermitteln einen Eindruck der künstlerischen Arbeit der Gefangenen unter seiner Leitung. Es mag verwundern dass wir einen solchen Akzent innerhalb eines literarischen Projekts gesetzt haben. Aber wir sehen einen guten Sinn und einen Reiz darin, zwei sehr unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen, die im Rahmen der gleichen Situation (Gefängnis) entstanden sind, einander gegenüber zu stellen. Natürlich scheinen eine wuchtige Steinskulptur und ein zierliches Gedicht kaum vergleichbar. Und doch ähneln sich die Motivation des bildnerischen und literarischen Schaffens, die Funktionen der Werke und deren Wirkungen auf die Rezipienten. Vom Schreiben wissen wir, wie sehr es helfen kann, eine zerrüttete Biographie - nach der Freudschen Trias »Erinnern. Wiederholen. Durcharbeiten« - positiv zu beeinflussen, Lebenssinn wieder zu entdecken, Lebenskraft zu finden, lebensfähig zu werden. Man kann diesen Schreibprozess als Lebenshilfe bezeichnen, auch als Therapie, wenn man den Begriff weit fasst. Eine solche existentielle, bisweilen lebensrettende Funktion kann auch in Projekten der bildnerischen Kunst beobachtet werden. Dies ist den Ausführungen Siegfried Neuenhausens ebenso zu entnehmen wie einigen Äußerungen von Mitgliedern des Bildhauerprojekts, die wir den Fotos hinzugefügt haben. Oft genug ist die Auseinandersetzung mit der Situation der Inhaftierung und dem Gefängnis von nicht geringerer Bedeutung als die mit der eigenen Biographie. Die künstlerischen Darstellungen können, in welcher Form auch immer, als Psychogramm der Wirkungen des Gefangnisses gelten. Nur zu deutlich geht daraus hervor, welche Mechanismen es sind, die destruktiv auf die inhaftierten Menschen wirken, einer Selbstfindung und Selbstverwirklichung entgegenstehen und dazu führen, dass das zentrale, von der Verfassung gebotene Ziel der Resozialisierung nur in Ausnahmen gelingt. Schreiben ist in einer solchen Situation Klage, Anklage und der Versuch, den Zerstörungsmechanismen zu widerstehen. Die Dramatik dieser Situation formuliert Nicola Keßler im Titel ihrer umfangreichen Darstellung der Gefangenenliteratur »Schreiben um zu überleben.« Eindringlich beschreibt ein Teilnehmer des Bildhauerprojekts seine Situation: »Aus dem Spiegel sieht mich der Knast an, mein Mund ist verschlossen wie die Tür, die mich morgens vor dem Hass bewahrt, vor meinem und derer, die mich einsperren. Dann wünsche ich mir, den Verstand zu verlieren, um die Sinnlosigkeit meiner Strafe nicht begreifen zu müssen.« Dagegen meißelt er an, Tag um Tag. Die Gefangenen beschreiben, wie wichtig ihr künstlerisches Tun auch unter dem Aspekt der Kommunikation ist. Sie finden in den künstlerisch arbeitenden Gruppen eine Form des vertrauensvollen und intensiven Zusammenlebens, die es in den Gefängnissen nur allzu selten gibt. Sie hoffen auch, dass ihr Schaffen zu einer Kommunikation nach draußen führt, von wo sie oft über viele Jahre komplett abgeschnitten sind. Ihr Wunsch ist, dass gerade die künstlerischen und literarischen Äußerungen zu einem Abbau der Vorurteile führen. Denn diese Äußerungen, ob im geformten Stein oder dem literarischen Text, könnten die Menschen draußen über die bloße Sachinformation hinaus berühren, durch die emotionale und bildliehe Erfahrung und eine innere Nähe zum Werk und seinem Schöpfer, die es erlaubt, jenseits aller durch die Medien kolportierten Bilder der Inhaftierten als Monster in ihnen den Menschen zu sehen. Den Menschen, der gefehlt hat, oft auf brutale Weise, aber doch die Hoffnung und das Recht beanspruchen darf, als Mensch erkannt und respektiert zu werden. Vielleicht sogar beitragen zu können, dass sich in der Gesellschaft ein Nachdenken um eine sinnvollere Form von Strafe entwickelt als sie im gegenwärtigen Strafvollzug möglich ist. Wir haben in diesem Band durch einen weiteren Seitenblick das Spektrum des literarischen Schreibens erweitert. In seinem Nachwort: Schreibende Gefangene: beschwerlich & literarisch - Zum Verhältnis von Literaturpreis und Strafvollzugsarchiv macht Johannes Feest darauf aufmerksam, dass der Begriff Gefangenenliteratur nach der Auffassung der Literaturwissenschaft das gesamte Spektrum des Schreibens von Gefangenen umfasst, innerhalb dessen das im engeren Sinn literarische Schreiben nur ein Teilbereich ist. In der Tat gibt es eine große Zahl von sehr berührenden, eindrucksvollen Erfahrungstexten, die, wie das Tagebuch, weniger geformt, gleichwohl für die Gefangenen lebenswichtig und für die Leser draußen aufschlussreich sind. Es gibt das journalistische Schreiben, das sich in der großen Zahl der in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Gefangenenzeitungen dokumentiert. Es gibt das Schreiben von Briefen, das wohl die größte Menge des Schreibens ausmacht: persönliche Briefe an Freunde und Angehörige, die sich weitgehend wegen ihrer Privatheit unserer Kenntnis entziehen. Briefe, die an unterschiedliche Personen und Institutionen gerichtet sind und zum Inhalt die Dokumentation des in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommenen Lebens im Gefängnis haben. Dann aber auch die erhebliche Zahl von Beschwerdebriefen, mit denen die Gefangenen versuchen, ihre Rechte einzuklagen, von Johannes Feest »beschwerliche Briefe« genannt«. Für eine große Zahl von Gefangenen ist das von Johannes Feest aufgebaute Strafvollzugsarchiv an der Universität Bremen die zentrale Anlaufadresse, da sich seine juristische Kompetenz, aber auch seine Vertrauenswürdigkeit bei ihnen hoher Wertschätzung erfreut. Er differenziert diese Art von rechtlichen Anfragen nach »Beschwerdebriefen, Petitionen, Anträgen auf gerichtliche Entscheidung, Rechtsbeschwerden, Verfassungsbeschwerden, Menschenrechtsbeschwerden etc.«. Die Art der Anfrage bezieht sich auf ein breites thematisches Spektrum, auf »Konflikte mit der Anstalt über Haftbedingungen, mit der Staatsanwaltschaft über Fragen der Haftfähigkeit oder mit den Gerichten über die vorzeitige Entlassung.« Funktion und Wirkung dieses Schreibens berühren sich durchaus mit dem literarischen Schreibens, etwa in dem existentiellen Aspekt des Schreibens als »Überlebensstrategie«. Auch stilistisch gibt es in vielen Briefen, so Johannes Feest, durchaus eine Nähe zu literarischen Texten. Insofern ist es verdienstvoll, an einen umfänglichen Begriff von Gefangenenliteratur zu erinnern, damit auch Anregungen zu geben zu einer vertieften interdisziplinären Forschung und eine breite Öffentlichkeit für die vielfältigen Seiten der Gefangenenliteratur herzustellen. Es mag sinnvoll sein, an dieser Stelle auch an Birgitta Wolf als die größte Briefschreiberin mit Gefangnen zu erinnern. Sie war bekannt als »Engel der Gefangenen« und hat sich jahrzehntelang um sie in Form praktischer Hilfe, durch persönliche Besuche im Gefängnis, durch Beratungen in rechtlichen und lebenswichtigen Fragen, durch öffentliches Engagement in politischen Debatten um die Gestaltung eines humanen Strafvollzugs, durch die Förderung auch des literarischen Schreibens von Gefangenen und durch einen intensiven Briefverkehr gekümmert. Sie hat nach ihrem Tod (2009) ein Archiv von über 80 000 Briefen hinterlassen, das der Auswertung harrt. Für die Verleihung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene im Jahr 2002 hatte sie die Schirmherrschaft übernommen. Die Seitenblicke auf die Vielfalt der Schreibformen und die Möglichkeiten einer analogen Wirkung der verschiedenen künstlerischen Tätigkeiten mögen zusätzliche Impulse setzen, den Wert kreativen Schaffens in den Gefängnissen zu fördern. Die selbstbewusste Forderung Siegfried Neuenhausens, »Kunst als Grundlage und Kernstück eines therapeutisch wirksamen Strafvollzugs« anzusehen und zu fördern, könnte zu einer neuen Nachdenklichkeit angesichts des bisherigen Versagens des Strafvollzugs führen. Dass die künstlerischen und literarischen Tätigkeiten für die Gefangenen einen besonderen existentiellen Wert haben, steht außer Frage. Wie sehr sie dazu beitragen, die Vorurteile der Öffentlichkeit aufzusprengen und eine neue Sensibilität für einen humanen Strafvollzug zu erzeugen, ist nicht abzusehen. Mit der vorliegenden Anthologie verbindet sich, nicht frei von Zweifeln, gleichwohl unsere Hoffnung darauf. Die Hoffnung der Gefangenen auf die Wahrnehmung und die Wirkung ihrer geschriebenen Worte drückt Helmut Pammler, einer der Preisträger des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises in seinem Gedicht »Preisverleihung« aus: Lohnt sich meine Mühe, gegen den Irrsinn zu schreiben? Was wäre ich denn ohne das das Schreiben? Bloß Hände, Füße, böse Worte … Und euch, die ihr mir das Gefühl gebt, für mich zu sein, neben mir zu stehen, mir Halt in der Losigkeit zu sein … Sie hören, was ich sage. Sie lesen, was ich schreibe. Sie warten, bis ich da bin.


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