# Nichts beginnt. Nichts passiert. Nichts endet.


Nichts beginnt. Nichts passiert. Nichts endet.


Inhaltsverzeichnis

# Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene 2005


Die Texte dieser Anthologie sind mit dem Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene 2005 ausgezeichnet worden. Sie beeindrucken durch die Intensität des literarischen Ausdrucks und erzählen von Verletzungen, Ängsten und unerfüllten Sehnsüchten…

agenda Verlag, Münster 2005.
ISBN 3-89688-257-0

Mit einem Geleittext von George Tabori

“Ich werde kontrolliert und eingeschätzt. Jetzt bin ich eine Nummer und eine blassblaue Karteikarte. Wenn ich etwas möchte, muss ich einen Antrag schreiben. Für Wäsche, für Klopapier, für alles. Der Tag vergeht mit betteln, aus dem Gitterfenster sehen, schlafen. Die Wochen, die Monate, die Jahre. Nichts beginnt. Nichts passiert. Nicht endet.”
(Kenny Berger)

Der Trägerkreis des Ingeborg-Drewitz-literaturpreises für Gefangene und zugleich Herausgeber dieses Bandes sind:
• Dokumentationsstelle Gefangenenliteratur der Universität Münster
• Gefangeneninitiative e.V. Dortmund
• Strafvollzugsarchiv der Universität Bremen
• Bundeskonferenz kath. Gefängnisseelsorger Berlin
• Chance e.V. Münster
• Humanistische Union e.V. landesverband NRW, Essen
• Arbeitskreis kritischer Strafvollzug Münster


# Preisverleihung


Juni 2005, 11:30 Uhr, in der Kommende Dortmund, Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn
Die Schirmherrschaft des Ingeborg-Drewitz-literaturpreises übernahm George Tabori.


# Inhalt


Zum Geleit
Die Herausgeber: Dank an George Tabori S.7
George Tabori: Mutters Courage. Erzählung S.9
Helmut H. Koch: Melancholie und Kritik S.16

Prämierte Texte
Rolf Brandenburg: Der letzte Brief S.22
Helmut Pammler: Passiv S.59
Thorsten Dülks: Sammy regt sich auf S.60
Jürgen Landt: einfach zu nah, die fremde S.66
Christine Maria G.: Es tut gleichmägig weh und manchmal ist es kaum noch auszuhalten S.70
Kenny Berger: Grauzone S.72
U. David Schweighoefer: Angeklagt - Verurteilt - Santa Fu S.77
Uwe B. Werner: Grau und Weiß S.83
Rosalie: Warum? S.86
Georg Hoeflein: Gebet S.93
Roman Kluke: Amerika, Gitter und das Pendel in der Nacht S.94
An alle LL’er S.98
Jürgen König: Nach(t)schrei S.100
Peter Lambert: Kleine Blume Freiheit S.103
Besuch S.106
Nach dem Besuch S.106
Reidar Tavares: Begegnung mit dem Abteilungsleiter S.107
Das Zuständigkeitskarussell S.108
Joachim Weigold: Ferien im Luxushotel “Gitterle” S.114
Faris Abu-Naaj: Lebendkontrolle S.118

Nachwort
Sabine Boshamer: Ingeborg Drewitz’ Engagement für die Gefangenenliteratur 126

Anhang
Die Autorinnen und Autoren 140
Liste aller TeilnehmerInnen 145
Die Jury 148
Satzung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene 150
Die Dokumentationsstelle Gefangenenliteratur der Universität Münster 153
Anmerkungen 157


# Zum Geleit

Die Herausgeber
Dank an George Tabori

Als wir ihm die Schirmherrschaft des diesjährigen Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene antrugen, hat er nicht gezögert. Wir waren darüber glücklich, schätzen wir doch an ihm seine hohe Sensibilität für Menschen am Rande der Gesellschaft und die bohrende und sein gesamtes Werk prägende Frage nach der Schuld und Unschuld in jedem Menschen, nicht nur im Täter. Gern hätte er ein eigenes Grugwort zu diesem Band verfassen wollen, doch es fehlte ihm - seit Wochen krank - dazu die Kraft. Daher hat er uns in Hochachtung der schriftstellerischen Leistungen der Gefangenen einen Ausschnitt aus seiner Erzählung “Mutters Courage” anstelle eines Geleitworts zur Verfügung gestellt. Es handelt sich dabei um eine auf Wahrheit beruhende Geschichte.
Wir danken ihm dafür sehr herzlich!


# Melancholie und Kritik


Helmut H. Koch
“Schrei(b) auf” lautete das Motto der Ausschreibung zum Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene, der in diesem Jahr zum 6. Mal verliehen wird. Wir wollten die Gefangenen, wie es das Ziel des Ingeborg-Drewitz-Preises ist, ermutigen zu schreiben, auch mit ihren Texten den Weg in die Öffentlichkeit zu wagen. Wir wollten signalisieren, dass es eine Öffentlichkeit gibt, die daran interessiert ist oder dafür interessiert werden könnte, auch wenn die Gefangenen oftmals das begründete Gefühl haben, hinter den Mauern unsichtbar, unhörbar, namenlos gehalten zu werden. Und wir wollten deutlich machen, dass es Sinn macht, eine Sprache zu suchen für das, was tief in der Seele verborgen ist: Leid, Trauer, Schuldgefühle, Zorn und Hass, Sehnsucht, Liebe, vielleicht noch immer Hoffnung. Und dass es gut tut und für die Menschen draußen wichtig ist, die Dinge zu benennen, wie sie sind. Sie nicht zu verdrängen und sich nicht, wie es der Knast Tag und Tag trainiert, hinter einer Maske zu verstecken oder gar zu verlieren: der Maske der Anpassung oder der Maske der Stärke.

Die Zahl der Einsendungen war beachtlich hoch. Wir erhielten weit über tausend Texte von mehr als 200 Gefangenen: Gedichte, Erzählungen, Romane, Berichte, Essays, Tagebuchaufzeichnungen, Gebete, Lieder, Theaterszenen, Briefe. Die Jury, die sich aus Kulturschaffenden von draußen und Gefangenen bzw. ehemaligen Gefangenen zusammensetzt, hat sich bemüht, aus den vielen guten Texten die besten auszusuchen. Maßstab war die literarische Qualität und die oft in ihrer sprachlichen Genauigkeit beeindruckende Authentizität.

Beim Lesen der Texte entstehen vor unseren Augen Bilder vom Innenleben der Gefängnisse und der Gefangenen - Seelenlandschaften. Sie aus dem Blick derer kennen zu lernen, die am genauesten über sich Bescheid wissen, nämlich der Gefangenen selbst, scheint uns sinnvoll. Denn das, was in den Massenmedien über das Gefängnis kolportiert wird und an Bildern in den Köpfen des Publikums sich einnistet, ist zumeist so lückenhaft wie falsch.

Wir wollen hier die Texte nicht im einzelnen kommentieren, die LeserInnen mögen sich ein eigenes Bild machen. Gleichwohl sei ein Aspekt erwähnt, der uns auffiel: der Tonfall der Texte. “Nichts beginnt. Nichts passiert. Nichts endet.” (Kenny Berger) Es fehlt gegenüber früheren Jahren der Gestus der spektakulären Aufklärung, des Widerstandes und der Hoffnung auf Umwälzung. Titel wie “Mit Sätzen Mauern eindrücken” (I. Drewitz), die noch vor gut zwei Jahrzehnten programmatischen Charakter hatten, finden sich in den literarischen Knasttexten der Gegenwart nicht. Nicht Aufschrei, nicht Provokation, kein Aufbruch zu überfälligen Veränderungen, vielmehr herrschen leise Töne vor, melancholische Stimmungen, vielleicht ein implizites Mahnen: Vergesst uns nicht, es gibt uns noch. Der Begriff “Kämpfen” begegnet uns wohl, aber im Kontext von Selbstzweifel, Suizid phantasien oder entlarvt als hohle Parole. Wie auch der Begriff Resozialisierung”, immerhin Verfassungsgebot, noch vorkommt, aber begleitet von einem müden Lächeln. Die Gefangenen erleben sie nicht.

Es scheint, dass eine solche Schreibweise die literarische Antwort auf die reale Situation im gegenwärtigen Strafvollzug ist. Die Gefängnisse sind übervoll, längst bietet sich nicht jedem mehr der gesetzliche Anspruch auf ein Mindestmaß an Privatsphäre, Mehrfachbelegungen der Zellen sind nicht die Ausnahme. Die Strafzumessungen werden für gleiche Vergehen zunehmend schärfer, die Gefängnisaufenthalte länger. Das fast schon pathologische Sicherheitsdenken führt zur Reduzierung von Lockerungen und anderen Resozialisierungsmaßnahmen, das Bundesverfassungsgericht sah sich mehrfach genötigt, auf den gesetzlichen Anspruch hinzuweisen. Wo wirklicher Einsatz für mehr Sicherheit gefragt wäre, etwa bei einer professionellen Therapie für Sexualstraftäter, herrscht nach wie vor ein eklatanter Mangel an qualifiziertem Personal. Längst haben verschiedene Bundesländer zu einer fundamentalen Gegenreform angesetzt, indem sie durch eine Novellierung des Strafvollzugsgesetzes das Gebot der Resozialisierung zugunsten einer Stärkung des Sicherheitsdenkens und damit des Verwahrvollzugs relativieren wollen. Eine solche Gegenreform droht um so mehr, als die bisherigen Verhandlungen der Föderalismuskommission vorsehen, den Strafvollzug entgegen den historischen Erfahrungen noch rigoroser der Politik der Landesregierungen zu überantworten. Das Bedenkliche bei all diesen Prozessen ist die Tatsache, dass jede härtere Gangart gegen Gefangene auch unter Verletzung von Verfassungsrechten mit der Unterstützung der Medien und der öffentlichen Meinung rechnen kann. Diese hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten beträchtlich gewandelt. Sprach sich in den achtziger Jahren noch eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung für den Resozialisierungsgedanken aus, so votieren nun um die achtzig Prozent für mehr Härte im Sinne des Rache- und Sühnedenkens (Wegsperren, Sicherheitsverwahrung, “Rübe ab”), wie eine Umfrage der “Zeit” aus dem Jahr 2002 ergab. Diese öffentliche Stimmung wirkt sich natürlich auf die Psyche der Gefangenen aus.

In einer solchen Situation extremer Marginalisierung und der Verweigerung des Grundrechts auf Menschenwürde hat das Schreiben und Publizieren von Literatur für die Gefangenen wie auch für eine kleine lesende Öffentlichkeit eine besondere Bedeutung. Dies ist erfreulicherweise auch vielen namhaften Schriftstellern und Schriftstellerinnen draußen bewusst, die in Gefängnissen lesen und das Schreiben der Gefangenen unterstützen. Wir haben bei der Suche nach Schirmherrschaften unter den Schriftstellern und Schriftstellerinnen immer offene Ohren gefunden. Luise Rinser hatte selbst in den vierziger Jahren im Gefängnis gesessen und auf Zeitungsrändern heimlich ein Tagebuch geschrieben, das sie, als sie in der Nachkriegszeit das Weiterleben des alten Geistes bemerkte, veröffentlicht hat. Drei Jahrzehnte später gab sie eine Anthologie mit Texten weiblicher Gefangener heraus. Martin Walser hat bereits in den sechziger Jahre das Schreiben von Gefangenen (Autobiographien) unterstützt. Schreiben sieht er als eine Form des Überlebens und als eine Möglichkeit, die Öffentlichkeit über eine unbekannte, auch den Schriftstellern draußen nicht zugängliche, skandalöse Realität zu informieren. Birgitta Wolf, eine weitere Schirmherrin, hat die Briefkorrespondenz mit Gefangenen zu ihrem Lebensinhalt gemacht. 80 000 Briefe lagern in ihrem Archiv in Murnau, wahrscheinlich das umfangreichste Archiv dieser Art in der Welt. Zu ihrem Engagement gehörte auch die Förderung des Schreibens von Gefangenen und die Publikation der literarischen Texte. Auch George Tabori, der Schirmherr des diesjährigen Ingeborg- Drewitz- Preises, hat ohne zu zögern seine Unterstützung zugesagt. Wir haben ihn wegen seiner offenen Haltung gegenüber Randgruppen und seinem literarischen Schaffen angesprochen, in dem er immer wieder die Bilder von Opfern und Tätern differenziert und im Opfer den Täter wie auch im Täter das Opfer entdeckt. So spricht er als Jude vom “Hitler in mir”: für viele schockierend, für andere befreiend.

Die Problematik hat ihre grundsätzliche Bedeutung in der Gegenwart nicht verloren. Sitzen wirklich die Schuldigen im Gefängnis? Und wer wollte ernsthaft ableugnen, dass auch Gewaltverbrecher ein Stück weit Opfer sein können und die Menschen mit den weißen Kragen voller Gewalt? Wie viel Gewaltpotenzial, so fragen des öfteren Gefangene in ihren Texten, muss in einer Gesellschaft vorhanden sein, dass sie Menschen schlimmer als Tiere wegschließt und ihre gesetzlichen Rechte mit Füßen tritt?

Es ist dies eine Frage, die auch Ingeborg Drewitz, die Namensgeberin unseres Preises, immer wieder umtrieb (s. das Nachwort in diesem Band). Ingeborg Drewitz hat sich über Jahre mit dem Strafvollzug beschäftigt, hat die Rechte der Gefangenen eingeklagt, ihr Schreiben, nicht zuletzt das Schreiben weiblicher Gefangener, gefördert und der Gefangenenliteratur öffentliche Foren verschafft. In der ihr eigenen engagierten, gradlinigen Art formulierte sie einmal angesichts der Misere des Strafvollzugs: “Der Strafvollzug wird sich erst ändern, wenn wir uns ändern.” Es ist damit auch ein Ziel des Schreibens und Lesens von Gefangenenliteratur angesprochen. Sie ermöglicht nicht nur Einsichten in die Wirklichkeit gegenwärtiger Gefängnisse. So leise sie auch daher kommt, mahnt sie darüber hinaus auch Gespräche an. Mit den Gefangenen. Auch mit und über uns selbst.


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