Zum ersten Mal wurde für 1989/90 der Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene vergeben. Die von einer namhaften Jury ausgewählten Texte werden mit dieser Anthologie einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht.
Risse-im-Fegefeuer
Reiner Padligur Verlag, Hagen 1989.
ISBN: 3-922957-22-6
J.R. Ein Vorwort S.7
Kaspar Zorn, Thobers Bilder S.11
Ralf-Axel Simon, Ende der Nacht S.15
Ralf-Axel Simon, Gedichte S.21
Karin Amann, Gedichte S.29
Hubi Becker, Unterwegs in der “grünen Minna” S.33
Siegfried Diebolder, Weihnachten 1988 S.57
Harald A. Dreßler, Betr.: Alltagsrealität im Knast S.63
Peter Faust, Mein FreundFiete S.67
Norbert Jeschke, Gedichte S.76
Dietmar Jochum, Von Wäsche- und anderen Paketen S.81
Peter H. Lerch, Erzählung S.85
Volker Maaß, Die ersten Tage in der geschlossenen Abteilung S.90
Horst Morthel, Brief an den Herrn Generalstaatsanwalt S.92
Peter Plate, Knastsplitter S.93
Jack Unterweger, Führung durchs Gefängnis S.100
Reinhard Wengler, Gedanken beim Betrachten der Mauer S.102
Wolfgang Werner, Sklavenhaltung in der “grünen Hölle” S.105
Peter Zingler, Das Wiedersehen S.109
Peter Zingler, Zur letzten Unruh S.116
Ingeborg Drewitz zu Ehren S.125
Die Autoren S.129
Teilnehmerliste S.134
Die Jury S.136
Satzung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene S.139
Aus dem Inhalt: Seite 7-10
Ein Vorwort
“…Endlich der Aufruf. Ein junger Mann in Zivil, der mich begleiten
soll, holt mich, ich passiere den Kontrolltisch. Aufschließen.
Zuschließen. Vorbei an den gewöhnlichen Warteräumen. Aufschließen.
Zuschließen. Ich bin im Inneren des Traktes. Stahlgespinste. Das
Übliche. Der Warteraum gleich linker Hand … Genau nach zwanzig Minuten
sagt der Begleiter: ‘Die Sprechzeit ist abgelaufen.’ Ohne Zeichen von
Aufmerksamkeit. Ein Uhrwerkmensch. Flankiert von zweien werde ich aus
dem Inneren des Traktes geführt. Aufschließen. Zuschließen. Am
Kontrolltisch die Blechmarke 15 abgeben …”
Diese Zeilen stehen im Buch “Kurz vor 1984” von Ingeborg Drewitz, der
Freundin und Mitstreiterin im Verband deutscher Schriftsteller und im
PEN-Club. Das monotone “Aufschließen. Zuschließen.” ist dem Kapitel
“Einzelhaft” entnommen, in dem Ingeborg einen Besuch bei einem
Gefangenen schildert - und die entwürdigenden Begleitumstände,
entwürdigend für die Besucherin, entwürdigend für den Besuchten,
entwürdigend auch für die Justizvollzugsbeamten, aber die bemerken
offenbar diese Entwürdigung nicht.
Das Wort Entwürdigung ist von mir bewußt mehrfach gewählt worden. Sein
Gegenpol heißt Menschenwürde. Für diesen Begriff ist Ingeborg Drewitz
von ihrer Jugend bis zu ihrem Tod eingetreten. Für diese Menschenwürde
ist sie auf die Straße gegangen, vor die Mikrofone des Rundfunks und
die Kameras des Fernsehens, in die Gefängnisse, zu Bedrängten und
Zukurzgekommenen, und immer wieder an den Schreibtisch. Unter den
engagierten Autorinnen in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts
neben Luise Rinser, Eva Zeller, Marie-Luise Kaschnitz, Erika Runge,
Carola Stern und Margarete Mitscherlich bleibt sie die wirksamste
Anwältin der gesellschaftlichen Randgruppen. Ein Ausschreiben für
Literatur im Knast unter ihren Namen zu stellen, erschien den Trägern
des Preises und der Jury nicht nur angemessen, sondern notwendig. Mit
dem Namen Ingeborg Drewitz konnte der Sinn des Schreibwettbewerbs
betont werden: authentische Texte aus der Haft die Öffentlichkeit zu
veranlassen Einblick in heutige Formen des Strafvollzugs zu nehmen und
einen traditionalistischen Strafvollzug zur Menschenwürde hin zu
verändern.
Ein schwieriges Vorhaben für die angesprochenen Häftlinge. Ein nicht
minder schwieriges Vorhaben für die Auslober des Ausschreibens und für
die Jury. Nach welchen Merkmalen sollte sie die eingereichten Texte
beurteilen? Reichen die üblichen literarisch-ästhetischen Maßstäbe?
Oder braucht man nicht doch besondere Kriterien, zusätzliche Sensoren,
wenn man Prosa und Lyrik beurteilen will, die unter den Umständen der
Haft entstanden sind?
Die Jury hat sich die Arbeit nicht leicht gemacht. Ich zitiere nur aus
dem Absatz drei des Sitzungsprotokolls vom 31.8.89, mit dem die Jury
sich eine Grundlage gibt für ihr Vorgehen: “Die Jury diskutiert und
bewertet die Texte. Ihr liegt eine durch die “Dokumentationsstelle
Gefangenenliteratur” erstellte Synopse der schriftlichen Bewertungen
…vor. Die Texte werden, da sie zum Teil sehr differente Bewertungen
aufweisen, einzeln besprochen und gewichtet. Von den nach einer ersten
Vorauswahl in die Wahl genommenen 130 Texten (von 42 Autor/innen)
werden 25 Texte (von 16 Autoren und I Autorin) zur Aufnahme in die
Anthologie vorgeschlagen. Dabei erwies es sich als sinnvoll die Texte
unter verschiedenen Gesichtspunkten zu prüfen und eine einheitliche
Meßlatte zu vermeiden. So werden Texte ausgewählt, die teils wegen
ihrer beachtlichen literarischen Qualität herausragen, teils aber auch
wegen ihrer authentischen Sprache (z.T. ohne literarische Ambitionen)
oder ihres dokumentarischen Charakters …”
Dieser Ausschnitt möge genügen, um darzustellen, wie facettenreich die
eingegangenen Texte waren, und wie flexibel sich die Jury darauf
einstellen mußte.
Die Jury hatte kein Wunschbild, aber doch Erwartungen und Hoffnungen mitgebracht. So die Hoffnung, daß Männer und Frauen sich gleichermaßen zur Teilnahme an diesem Schreib-Wettbewerb angesprochen fühlten. Auch wenn man die Proportionierung mitbeachtet. also die geringere Zahl von inhaftierten Frauen, so liegt der weibliche Anteil unter den Einsendungen noch weit unter dem rechnerischen Prozentsatz. Also ist dieses Buch weitgehend eine Sammlung von Reflexionen aus dem Männerknast. Warum dies so ist, darüber wäre nachzudenken. Auffällig ist auch, daß bei aller Vielfältigkeit von Themen aus dem Alltagsleben der Gefangenen eines fast gänzlich ausgeklammert wurde: die Sexualität. Hier liegt offensichtlich ein Tabu vor. Die Jury schlägt vor, für kommende Ausschreibungen den Bereich “Liebe, Sexualität, Kommunikation” im Knast einmal thematisch anzubieten. Was die Mitarbeit der Leitungen von Justizvollzugsanstalten in den einzelnen Bundesländern angeht, so konnte bei der Jury die Vermutung nicht ausgeräumt werden, daß in manchen Regionen die Information über die Möglichkeit der Teilnahme an diesem Ausschreiben (Sich-Ausschreiben) nur unzureichend oder gar nicht weitergereicht wurde. Welche Gründe sind da bei der Administration der einzelnen Anstalten vorhanden, das kreative Tun der Häftlinge zu unterdrücken und damit die Beschreibung der Realität in ihrem Erfahrungsbereich?
Es war der Jury klar, daß kaum Texte unter den Einsendungen waren, die
in die engere Wahl zum nächsten Literatur-Nobelpreis gehörten. Dazu
war die Gruppe der Angesprochenen zu unterschiedlich nach Bildung und
Herkunft, nach Wollen und Können. Aber der Prosatext von Kaspar Z. und
der Gedichtteil von Ralf Axel S. hatten auch in einem “normalen”
Literaturwettbewerb unter professionellen Schriftstellern eine Chance
auf einen der vorderen Plätze gehabt.
Die Jury hat sich mit großer Anteilnahme mit den vorliegenden Texten
beschäftigt. Sie erbittet diese Anteilnahme nun auch von der
Öffentlichkeit!” J.R.
Ziele
Mit dem Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis sollen zum einen Inhaftierte
motiviert und unterstützt werden, ihre Situation literarisch zu
verarbeiten. Zum anderen soll den Texten von Gefangenen mehr
Öffentlichkeit verschafft und damit eine kritische Auseinandersetzung
mit dem bundesdeutschen Strafvollzug gefördert werden.
Name des Preises
Der Literaturpreis wird mit dem Namen der verstorbenen
Schriftstellerin Ingeborg Drewitz verbunden. Die Trägergruppen des
Preises möchten so den unermüdlichen Einsatz und die hohen Verdienste
von Frau Drewitz würdigen und bewahren helfen, die sie in der
Straffälligenarbeit erworben hat. Die Einverständniserklärung der
Familie Drewitz liegt vor.
Träger des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises
Dokumentationsstelle für Gefangenliteratur der Universität Münster
Reiner Padligur Verlag, Hagen
Gefangeneninitiative e.V., Dortmund
Strafvollzugsarchiv der Universität Bremen
Desweiteren wird der Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis von der
Humanistischen Union unterstützt.
Preisvergabe
Unter Gefangenenliteratur sind Texte zu verstehen, die in der Haft
oder in Erinnerung daran geschrieben worden sind. Dabei ist der
Begriff der Gefangenenliteratur möglichst weit zu fassen. Er umspannt
neben literarischen Texten im engeren Sinne (Romane, Gedichte,
Hörspiele, Theaterstücke, Essays usw.) auch journalistische Äußerungen
in den verschiedenen Medien (Interviews, Dokumentationen,
Radiofeatures etc.). Es können Texte oder Textsammlungen ausgezeichnet
werden, die von einzelnen oder von Gruppen verfaßt worden sind. In der
Regel werden bislang unveröffentlichte Texte ausgezeichnet. Dazu
gehören auch Manuskriptvorlagen (für Gefangenzeitungen oder
Dokumentationen etc.), die der Zensur im Strafvollzug zum Opfer
gefallen sind. Ausgezeichnet werden können neben den genannten Texten
auch:
Einzel- und Gruppenarbeiten. die außerhalb des Wettbewerbs eingereicht
worden sind.
Es können ferner bereits publizierte Texte mit dem Ziel prämiert
werden, ihnen eine größere Öffentlichkeit zu verschaffen (z.B.
herausragende Gefängniszeitungen oder Dokumentationen).
Die Preisverleihung findet erstmalig im Dezemher 1989 und fortan alle
2 Jahre statt. Die besten eingereichten Texte werden von einer Jury
ausgewählt und in einer Anthologie publiziert.
Form des Preises
Die ausgezeichneten Arbeiten werden in einer Anthologie, die im Reiner
Padligur Verlag erscheint, veröffentlicht, so einer breiteren
Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Desweiteren erhalten die
Preisträger einen, ihre Arbeit fördernden Sachpreis (etwa eine
Schreibmaschine oder Druckkostenühernahme einer Gefängniszeitung
etc.). Jeder Wettbewerbsteilnehmer erhält eine symbolische Anerkennung
in Form eines kleinen Präsents.
Sonderpreis
Die Jury kann einen Sonderpreis für Werke von Autoren/innen besonderer
literarischer Qualität oder öffentlicher Brisanz vergeben. Dieser
Sonderpreis kann auch einer nicht inhaftierten Person zugesprochen
werden, die sich durch besonderes Engagement für Inhaftierte
ausgezeichnet hat. Der Sonderpreis wird analog zum
Ingeborg-Drewitz-Preis überreicht.
Die Jury
Die Jury setzt sich aus sechs Personen zusammen. Neben zwei Autoren/
Autorinnen, die selber als Betroffene inhaftiert sind/waren, gehören
ihr vier weitere Personen an, die im Bereich der Literatur und/oder
Publizistik gearbeitet und sich auch thematisch bereits mit
Strafvollzug und Strafverfolgung befaßt haben. Sollte ein Jurymitglied
eigene Texte zur Bewertung einbringen, werden sie unter Ausschluß des
Mitgliedes behandelt.
Der Förderkreis des Ingeborg-Drewitz-Preises
Dem Förderkreis des Ingeborg-Drewitz-Preises können natürliche und
juristische Personen per Erklärung angehören. Die Aufgabe des
Förderkreises besteht zum einen per nomen den Preis aufzuwerten, zum
anderen unterstützend im Rahmen der jeweiligen persönlichen
Möglichkeiten zu wirken (z.B. Hilfe bei der Finanzierung,
Problemintervention bei Zensurversuchen durch
Justizvollzugsanstalten/-organe. Erstellen von Öffentlichkeit etc.).
Der Förderkreis wird durch einen halbjährlich erscheinenden Rundbrief
über die Tätigkeiten der Trägergruppen informiert, er kann sich
jederzeit üher die Koordinationsstelle des Ingeborg-Drewitz-Preises in
Dortmund (c/o Gefangeneninitiative Lessingstr.18, 4600 Dortmund 1)
informieren.
Schirmherrschaft
Die Schirmherrschaft über die erste Preisvergabe übernimmt die
Oberbürgermeisterin der Stadt Hamm, Frau Sabine Zech.