Maximilian Pollux
Geleitwort 9
Helmut H. Koch
Vorwort
Warum sitzen sie noch? Sich schreibend befreien. 15
Frank Bieber-Kopf
Metanoia - Ein Blatt Papier 27
Christian »Bär« Templiner
Eine Verantwortung 31
NixeBix Heumann
Ich war es 40
Rero W.
Ich habe Angst 42
theya
Schwingungen 74
Mario Wolf
Über die Suche nach Schuld und darüber,
sein Leben zu verschleudern 76
Für mich als Jude 78
Stephan S.
Was macht Schuld Was 81
Moro
Tinnitus der Seele 83
Helmut Pammier
Verboten - Sicherungsverwahrung 86
Spurlos 88
Wollen? 89
Mayhem Fontaine
Der Seelenräuber 90
Boo
Schritt für Schritt 98
Senhor José
Wie Santiago in Akten Merkwürdiges fand 100
S.R.
SCHULD 114
Anonym
Fehlerkultur. Ein Trauerspiel 116
Roland Hörnig
Steven 126
Felix Broy
Zwiesprache mit meinem Gewissen 138
Aufruf 145
Die Autorinnen 146
Die Jury 152
Nachrufe 154
Die Satzung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene 157
"Mein Name ist Maximilian Pollux.
Das war nicht immer so. In meinem alten Leben trage ich andere Namen. In
Tschechien Christian Gerber. In Spanien Manuel Hertz. Und in den
Niederlanden Miguel List.
Das war alles vor meiner Verhaftung im Jahr 2005.
Vieles veränderte sich an diesem Tag in Amsterdam, als ein
niederländisches Arrestatieteam meine zwei Jahre andauernde Flucht
beendet.
Und Namen spielen für die nächsten 9 Jahre und 8 Monate eine
untergeordnete Rolle. Aus mir wird die Nummer 16/07. Einer von
vielen.
Als Insasse in Deutschlands unbequemstem Hochsicherheitsgefängnis sollte
ich meine Vergangenheit der vielen Namen vergessen. Hier in Bayern, in
der JVA Straubing ticken die Uhren anders. Nicht nur Namen, auch Jahre
verlieren hier an Bedeutung. Und ich füge mich in diese Maschinerie.
Muss mich fügen, um nicht aufgerieben zu werden, und tausche meine
vielen Namen gegen eine Nummer.
Ich werde also der Gefangene 16/07.
Als Gefangener, der was auf sich hält, schreibt man viel:
Anträge, Beschwerden und Briefe.
Viele Briefe.
Briefe aus Liebe, Briefe aus Wut. Briefe aus Verbundenheit. Briefe aus
der Not, aus Langweile, Briefe voller Hoffnung, Frust oder Humor.
Die meisten Gefangenen schreiben.
Schreiben ist ein fester Teil des Lebens in Haft.
Eines Tages bringt mich ein Beamter zum Arzt, und wir kommen am
schwarzen Brett vorbei. Zwischen den Aushängen, die uns Gefangene etwa
darüber informieren, dass unsere Anträge auf ein Digitalradio abgelehnt
wurden oder dass während der nächsten acht Wochen kein Außensport
stattfindet, hängt ein Aushang, der meinen Blick einfängt: Die
Ausschreibung für den "Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für
Gefangene".
Ich hatte in der Vergangenheit schon wiederholt gehört, dass es so etwas
gebe, aber ich hatte meine Teilnahme bis dahin nicht in Erwägung
gezogen.
Warum sollte sich jemand dafür interessieren, was ich schreibe?
Diesmal ist meine Situation jedoch eine andere, denn ich sitze seit
einigen Wochen in Absonderungshaft. Wie alles hat diese Maßnahme, mit
der das Personal und andere Gefangene vor mir geschützt werden sollen,
eine Nummer: 19/3.
Wie alle Nummern in einem Gefängnis sagt sie nichts Wesentliches aus.
Und gleichzeitig alles.
Drei Monate lang soll ich von meinen Mitgefangenen abgesondert werden.
Ich darf nicht mehr mit den anderen in den Hof, und auch jetzt werde ich
allein zum Arzt gebracht.
Unter dem ungeduldigen Blick des Begleitbeamten bleibe ich kurz stehen
und überfliege den Text.
In großen Buchstaben steht dort das Thema der diesjährigen Ausschreibung
- "Einsamkeit".
Ich weiß nicht mehr, was dort sonst noch stand, aber im Grunde werden
alle Gefangenen, die Lust haben mitzumachen, aufgefordert, einen Text
zum Thema Einsamkeit einzusenden. Ob Gedicht, FIießtext oder Haiku ist
egal.
Erst auf dem Rückweg vom Arzt frage ich den Beamten ob ich mir kurz die
Adresse abschreiben kann, an die man den Text schicken soll.
Das Thema holt mich ab. Ich sitze nämlich von meinen Mitgefangenen
abgesondert in einer Einzelzelle. Wer, wenn nicht ich, müsste da
abliefern können. Das krieg ich hin, denk ich mir, und noch am selben
Abend beginne ich zu schreiben.
Ich schreibe von Hand. Eine Short Story. Nur wenige Seiten. Ohne Intro.
Direkt aus meinem Hirn durch mein Herz über meine Finger aufs Papier. Am
nächsten Morgen gebe ich die paar Seiten in die Post.
Als Pseudonym wähle ich den Namen Maximilian Pollux. Es ist seit vielen
Jahren das erste Mal, das ich mir ein Pseudonym zulege. Die Geschichte
heißt »Der Fixstern«, und ich mag die drei X.
Zu sagen, ich hätte mir keine Hoffnung auf den Sieg gemacht, wäre
untertrieben. Ich habe darauf gehofft.
Aber die Wochen vergehen. Ich verlasse die Absonderung, werde auf einen
anderen Gang in ein anderes Haus verlegt. Ich lebe mich ein und werde
wieder zur Nummer 16/07. Bis eines Tages überraschend ein Brief in meine
Zelle flattert. Die Jury teilt mit, dass »Der Fixstern« zu den
diesjährigen Preisträgern gehört!
Und ich weiß noch, dass ich meine Freude herausgrinse. Ich trommle mir
auf die Brust und fühle mich für einen Moment, als hätte ich einen
Boxkampf gewonnen.
Im Preis inbegriffen ist die Veröffentlichung der Geschichte in einer
Anthologie, also einer Sammlung von Texten verschiedener Autoren. Und
Leute, das war der erste von mir geschriebene Text, der jemals gedruckt
und in einem Buch veröffentlicht wurde; und das man kaufen konnte.
Es war die erste Bestätigung, dass das, was ich schrieb, von den Juroren
für gut befunden wurde, dass meine Art zu erzählen verstanden wurde.
Dass ich nicht für mich alleine schreibe. Dass ich in all den Jahren im
Knast das Feedback erhielt, etwas gut gemacht zu haben!
Einige Zeit zuvor hatte ich mit der Arbeit an einem Roman begonnen, und
die Wertschätzung, die der "Fixstern" erfuhr, motivierte mich
weiterzuschreiben. Denn wie jeden Autor hätte mich die Frage "Wer soll
das denn lesen?" beinahe gekillt.
Ich weiß das, und kann deshalb heute sagen, dass diese Auszeichnung und
noch viel mehr, das gedruckte Exemplar in den Händen zu halten, der
Grund dafür ist, warum ich immer noch schreibe: während der
verbleibenden Haftjahre hatte ich zwei Manuskripte fertig gestellt.
Einen Roman und ein Kinderbuch. Das war alles, was ich mitnahm, als ich
nach neun Jahren traumatisiert, entwurzelt und ziellos entlassen
wurde.
Und obwohl es nicht viel war, war es am Ende genug, denn inzwischen
wurden beide Texte als Bücher veröffentlicht.
Heute bin ich von Beruf Autor und Podcaster, und es gibt nichts, was
mich stolzer macht als das Angebot, die Schirmherrschaft über eben jenen
Literaturpreis zu übernehmen, ohne den es meine Karriere so nicht
gegeben hätte.
Meine Frau Catherina und ich haben 2019 mit dem »SichtWaisen e.V.« einen
Jugendhilfeträger gegründet, und wir arbeiten seither mit Jugendlichen,
die mit einem oder bereits beiden Beinen im Knast standen, und dabei
haben auch wir viel gelernt.
Wenn ich Jugendliche davon abhalten will, kriminell zu sein, wirkt es
tausend Mal präventiver, ihnen Hoffnung zu geben, indem wir sie positiv
bestärken, anstatt sie zu bestrafen.
Was mich überhaupt nicht zum Besseren verändert hat, waren die vielen
Male, die ich zur Strafe und zur Abschreckung in Absonderung saß. Aber
dieses eine Mal, als ich ein Gewinner war, als ich von außen gesehen und
wertgeschätzt wurde, hat mein ganzes Leben zum Positiven verändert.
Das ist es, was den Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis Gefangene so
wertvoll macht.
Ich danke allen Beteiligten des Trägerkreises und der Jury, vor allem
Professor Helmut Koch, der mit seiner jahrzehntelangen Arbeit so viele
Leben berührt und bewegt hat. Ich glaube seine Leistung wird man erst in
hundert Jahren wirklich anerkennen können, so weit ist er seiner Zeit
voraus.
Mein ganz besonderer Dank gilt Hubertus Becker. Meinem Mentor, meiner
Inspiration und meinem Freund, ohne den ich heute nicht hier sitzen
würde. Er war schon 2011 Mitglied der Jury, die meinen Text gekürt hat.
2017 haben Helmut Koch und er mir dann dabei geholfen zum
Rhein-Mosel-Verlag zu finden, und 2024 hatten sie die Idee, mir die
Schirmherrschaft anzubieten.
Außerdem danke ich den Gefangenen, die die Courage hatten, ihre Gedanken
zu Papier zu bringen und bei der Jury einzureichen. Euer Mut, mehr zu
sein als eine Nummer, erweckt diese wunderbare Idee zum Leben. Ich
hoffe, dieses Buch heute in den Händen zu halten, fühlt sich für euch so
gut an, wie damals für mich »Cemeinsam einsam«.
Und um es mit Hubis Worten zu sagen - Wer diese Texte liest, leistet
Widerstand.
So gilt mein Dank an euch, die im Trägerkreis und bei der Jury
Engagierten, an jeden einzelnen Leser und Unterstützer. Ohne Leser wären
wir Schreiber nichts! Und jetzt, viel Spaß beim Eintauchen in den Bauch
des Monsters."
Die Gefangenenliteratur entwickelte sich intensiv in den 70er Jahren im
Kontext der Erarbeitung eines Strafvollzugsgesetzes. Die Gefangenen
sahen nun die Möglichkeit für eine Demokratisierung und Humanisierung
des Strafvollzugs gekommen und damit auch für die Erweiterung ihrer
eigenen Interessen und Möglichkeiten.
Die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz, nach der unser Literaturpreis
benannt ist, setzte sich ein Leben lang für die Unterprivilegierten des
Landes, speziell auch für die Gefangenen ein. Sie ging in die
Gefängnisse und leistete praktische Hilfe, beispielsweise indern sie
Nahrungsmittel hineinbrachte. Sie förderte das Schreiben in Gefängnissen
und stand auch im Briefwechsel mit Gefangenen. 1979 konstatierte sie:
»Schreiben in Gefängnissen, davon hat man vor 10 Jahren nicht
gesprochen.«
In ihrem Buch »Schatten im Kalk« veröffentlichte sie über 150
literarische Texte von Gefangenen, wie auch Prosatexte und persönliche
Briefe. Sie erwähnt auch ihre Zusammenarbeit mit zahlreichen
SchriftstellerInnen, unter anderem mit Johann P. Tammen, dem Herausgeber
von »die horen« und der Gruppe »Mit Worten unterwegs« (Gründerin Astrid
Gehlhoff-Claes). Ferner arbeitete sie im PEN-Club und im Verband
deutscher SchriftstellerInnen, wo sie sich auch für die Anerkennung der
Gefangenenliteratur einsetzte.
Die Hoffnung der Gefangenen auf weitergehende Rechte durch die
Erarbeitung eines neuen Strafvollzugsgesetzes wurde enttäuscht. Gerade
deswegen war das Engagement der ver- schiedenen Schriftstellergruppen so
wichtig, um die Stimmen der Eingesperrten und ihre Belange nach außen
hin erfahrbar zu machen.
»...ein Prozess auch, der öffentlich macht, was öffentlich sein
sollte: dass die in der Haft unseres Vertrauens, nicht aber unserer
Verachtung bedürfen; dass ihr Scheitern und unser Scheitern
vielleicht graduell verschieden sind, weil wir entweder aus sozial
stabileren Familien kommen oder befähigter sind, uns einzufügen,
anzupassen, unsere Leidenschaften zu kontrollieren; weil wir uns den
Zweifel an moralischen Kategorien nicht gegönnt haben; weil wir mehr
Glück hatten (Glück als Chance, uns zu behaupten verstanden); und
vielleicht auch, weil wir uns besser durchzumogeln verstanden
haben.«
(Schatten im Kalk, S. 9)
Parallel gab es eine gleichgerichtete Initiative von Gefangenen, die
nicht nur selbst literarisch tätig waren, sondern auch in damit
zusammenhängenden Bereichen: der Produktion eigener Bücher,
Gefangenenzeitungen und der Installation eines eigenen Verlages, der
allerdings später vom Staat verboten wurde. Dieser Verlag wurde getragen
von einer »Autorengemeinschaft« unter der Leitung von Felix Kamphausen.
In der Anthologie »Aufbruch« heißt es:
»Dieses Buch soll auch anderen Mut machen, nicht im zermürbenden
Haftalltag zu resignieren, sich nicht in die stigmatisierende Rolle
der Hilflosen drängen zu lassen, sondern aufzubrechen, zu einem
besseren Morgen!«
(Die Psychiatrisierung, S. 143)
Im Kontext der Förderung der Gefangenenliteratur entstand Anfang der
80er Jahre zwischen der Gefangeneninitiative Dortmund und der
Arbeitsstelle Randgruppenkultur an der Universität Münster eine enge
Kooperation. Beide hatten das gemeinsame Anliegen, das Schreiben im
Gefängnis zu fördern. »Mit Worten durchbrechen« schreibt Stefan Straub.
Es erschienen auch an der Forschungsstelle der Universität Münster eine
Reihe wissenschaftlicher Publikationen mit dem Schwerpunkt
Gefangenenliteratur. Auch das Strafvollzugsarchiv Bremen (jetzt
Dortmund), unter der Leitung von Johannes Feest, unterstützte aktiv die
Gefangenenliteratur.
Um das Interesse an der Gefangenenliteratur zu stärken, beschlossen die
Gefangeneninitiative Dortmund und die Arbeitsstelle Randgruppenkultur an
der Universität Münster einen Preis zu etablieren: den
»Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene«. Das Anliegen des
Preises ist, den Gefangenen die Möglichkeit zu geben, in literarischer
Form und authentischen Berichten die Situation in den Gefängnissen
darzustellen und der Öffentlichkeit vor Augen zu führen. Der »Ingeborg-
Drewitz-Literaturpreis für Gefangene« wurde zum ersten Mal 1989 vergeben
und von da an alle drei Jahre. In diesem Jahr wird der Literaturpreis
zum zwölften Mal verliehen unter dem Dach der Chance e. V. Münster.
Den Aufrufen zur Beteiligung am »Ingeborg-Drewitz-Preis- ist immer ein
Motto als Anregung vorangestellt, das zum Schwerpunkt die Lebensweise
der Gefangenen sowie die rea- le Situation im Knast und unter anderem
auch die Frage der Realisierung der Reformziele des Gefängnisses
anspricht. In der aktuellen Ausschreibung (s. Anhang S. 145) ist als
Motto: »Schuld- gewählt. Damit unterscheidet sich das diesjährige Motto
von denen der vergangenen Jahre, da weniger die Kritik am Gefängnis als
Institution, sondern das eigene Ich, die seelische Belastung, im
Vordergrund steht. Eventuellen Befürchtungen der Gefangenen, zu sehr
Intimes preiszugeben, sind wir insofern entgegengetreten, als wir den
AutorInnen Ano- nymität zugesichert haben. Sehr schnell nach der
Ausschrei- bung konnten wir feststellen, dass das Motto »Schuld« auf ein
beachtliches Interesse stieß.
Dennoch blieben einige Gefangene gegenüber dem Motto besorgt, wie die
Notizen von Rero W. zeigen:
»September 2023. Ich lese die Ausschreibung für den Ingeborg
Drewitz Literatur Wettbewerb und mein Inneres verkrampft sich.
Thema: Schuld. »Schuld ist ein unangenehmes, belastendes,
kleinmachendes Gefühl ...« steht in der Ausschreibung. Nette
Untertreibung. Wer bin ich, dass ich über Schuld zu schreiben das
Recht hätte, außer meiner eigenen. Ich habe Angst. Angst vor all
dem, Wovon ich glaubte, es hinter mir gelassen zu haben, in all den
behandlerischen Gesprächen und der täglichen Meditation und dennoch
... »Du entgehst keinem Gefühl, wenn du es nicht ganz und gar
durchlebt hast«, hatte ich irgendzoo gelesen. Nun holt mich die
Weisheit ein. Ich finde immer wieder einen Grund nicht zu
schreiben.« »23. Dezember 2023. Ich muss mich meinen Ängsten
stellen. Der einzige Weg aus dem Leid ist mitten hindurch.«
Eindrucksvoll sind die verschiedenen Schilderungen der Schuld in oft
knappen Darstellungen, dennoch voller sprach- licher Intensität. Bis ins
Innerste erschüttert über das eigene Versagen, die Verzweiflung über die
eigene schwere Schuld, die selbst ausgeführte Gewalt gegenüber
nahestehenden und geliebten Menschen. Einige AutorInnen scheinen
verstrickt in tiefste Schuldgefühle und versuchen, nun schreibend eine
ver- spätete Annäherung an eine von ihnen sehr nahestehende Person. In
den Texten selbst ist nur zu erahnen, dass sie diesem Menschen
möglicherweise Gewalt angetan haben.
»Ich war es. Laut oder leise - Sprechen vor Grauen kaum möglich.
Dabei würde ich am liebsten laut schreien. Ich war es. Ein Gefängnis
zum Aufenthalt nicht nötig. Ich bin aufewig mein Gefängnis.«
(NixeBix Heumann) »Meine Schuld hat mich die ganzen Jahre immer mehr
wie in einer Spirale aufgezogen, zu einem Punkt hin, der es mir
jeden Tag schwerer macht, in den Spiegel zu sehen.« (Christian »Bär«
Templiner) »Aber wenn der Schmerz kommt, dann ist er nicht zu
ertragen. Dann fühlt er sich schuldig, bestraft sich selbst,
zerstört sein Glück und sucht seine Schuld!«
(Mario Wo]f)
Die eingereichten Texte sind erschütternd authentisch, sie geben uns
Außenstehenden einen tiefen Einblick in die psychische Situation ihrer
VerfasserInnen. Sie handeln von der differenzierten Wahrnehmung des
eigenen Zustandes. Sie sind höchst emotional und eindrucksvoll in der
Gestaltung von Sprache. Wie gehen die Gefangenen mit dem Aspekt der
schweren seelischen Belastung der eigenen Tat um? Wie können sie unter
den Bedingungen der Haft damit zurechtkommen? Es fällt nicht schwer, die
Ausdrucksstärken in kurzen Beispielen anzudeuten:
»Meine Schuld ist ein Abgrund, dunkel, tief, in der ich sie, mich
verloren habe.« (Frank Bieber-Kopf) »Oder habe ich damals schon
meine Schuld dafür abbezahlt, was ich aus meinem Leben gemacht habe.
Wie ich regelmäßig meine Zukunft sinnlos hergegeben habe?« (Mario
Wolf) »Meine Schuld ist schwer, ein Menschenleben schuier.«
(MORO)
Waren es bei den bisherigen Ausschreibungen die mächtigen Außenmauern
des Gebäudes Gefängnis, die es, bildlich gesprochen, einzureißen galt
(vgl. Anthologie »Vvenn Wände erzählen könnten«), so sind es nun die
seelischen Schutzwälle eines jeden einzelnen Gefangenen, die gezeigt
werden und die es zu öffnen gilt, zum einen als Chance, sich selbst
besser zu akzeptieren und zum anderen auch für die Gesellschaft draußen,
damit sie die Menschen drinnen, die Weggesperrten, verstehen lernten.
»Icn schreie stumm gegen den Schmerz in meinem Innern, gegen die
unendlich große Scham meiner Schuld/Taten an ... «
(Christian »Bär« Templiner) Das Motto »Schuld« richtet den Blick auf
einen anderen Aspekt im Leben der Gefangenen, nämlich nicht mehr primär
gegen das Knastsystem zu agieren, sondern vielmehr ist das Motto eine
Frage an die Gefangenen, sich selbst mit der eigenen Tat
auseinanderzusetzen.
»Ohnmächtig, Tod gegen Leben zu tauschen. Ohnmächtig, in die
Unterwelt zu steigen, einen Menschen zurückzubringen. Ohnmächtig,
mein Leben gegen ein anderes, gegen ihres zu tauschen»
(Frank Bieber- Kopf)
»Nichts kann die Schuld auslöschen, nichts bringt Metin je zurück,
aber wenn ich mich veränder', ehre ich ihn damit ein Stück»
(Boo) Auch macht das Motto »Schuld« sehr deutlich, dass noch eine andere
schwere Bürde im Gefangenen existiert, die ihn auch zusätzlich zur
Knastsituation belastet bis hin zur Ausweglosigkeit, zum Suizid. Dies
wird durch den Charakter der Gefängnisse noch verstärkt!
»Eigentlich wünsche ich mir eben seit diesem Tag, dass man sich in
diesem Krieg, der sich Leben nennt, umbringt.«
(Christian »Bär« Templiner)
»Es ist, als wäre ich ein schwarzes Loch, als stünde ich im Zentrum
eines Abgrundes, der jedem, was ihm zu nahe kommt, Tod und Verderben
beschert.«
(Mayhem Fontaine)
Zahlreiche Textsorten wie Lyrik, Selbstdialoge, fiktive Gespräche,
Erzählungen, fantastische Geschichten, Kritik zum Zeitgeschehen,
Erinnerungen, Wortcollagen, Theater, Briefe und Biografien sind
eingeschickt worden.
Exemplarisch möchte ich auf die biografische Darstellung von Rero W.
eingehen, die mich sehr beeindruckt hat. Der Autor plädiert dafür sich
dem Thema »Schuld- zu stellen wie Eingangs bereits erwähnt. Er entwirft
ein sehr offenes, kritisches Bild seiner persönlichen Begegnung mit
dieser Thematik in verschiedenen Stationen seines Lebens. Zum Beispiel
schildert er geradezu unverblümt und fast rücksichtslos das Bild seines
brutalen, autoritären und die Familie tyrannisierenden Vaters. Es
entsteht der Eindruck eines eingeschüchterten, ungeliebten, in vieler
Hinsicht unterdrückten Jungen, der sich zudem als Folge dieser
»Erziehung. fälschlich sogar für lebensbedrohende Krankheiten seiner
vielgeliebten vierjährigen Schwester verantwortlich fühlt. Der Vater mag
Waffen und bringt ihm den Umgang mit Gewehren bei, was ihm den Weg 'zu
Abgründen ebnet. Nachdem verschiedene berufliche Anläufe misslingen und
zudem sein unterentwickeltes Ich ihm empathische Beziehungen nicht
ermöglicht, gerät er zunehmend in problematische Situationen, wird
drogensüchtig und kriminell. Später begeht er dann sogar einen Mord.
Sein mitmenschlicher Kontakt wird auch dadurch extrem vermindert, dass
er im Gefängnis den Selbstmord eines engen Freundes und kurz darauf auch
noch den Suizid eines weiteren Mitgefangenen erleben muss. All dies
beschreibt er in konkreten, teils kargen Worten, staccatoartig ein
ganzes Menschenleben und davon »16 Jahre sterbend« im Gefängnis (vgl.
Autoren S. 150).
Einen ausführlichen Raum nimmt die Darstellung einer extrem
misslingenden, gleichgültigen sozialen und psychologischen Betreuung
ein. Es zeichnet sich sehr konkret das Bild einer Häftlingsbehandlung
ab, die dem gesetzlichen Ziel des Gefängnisses diametral widerspricht.
Verschiedentlich führt sie sogar zu Überlegungen von Suizid. Erst über
Jahre hinweg und durch die Auswechslung der Therapeuten/Psychologen und
des Personals in der Venvaltung, bekommt er Boden unter den Füßen.
Dennoch gibt es Stockungen in der Behandlung seines Falles, so dass er
sich immer wieder an der Grenze zum Selbstmord bewegt. Ein kompliziertes
Hin und Her, er wird immer wieder weitergereicht in der Hierarchie der
zuständigen Behörden. Er verliert mehr und mehr die Hoffnung auf ein
gutes Ende. Schließlich erhält er endlich die Möglichkeit zum offenen
Vollzug. Er darf die Familie besuchen und schöpft neue Lebenshoffnung.
Diese biografische Darstellung zeigt, wie schnell das Abrutschen durch
mangelnde, unvermögende Erziehung und Gefährdung des Lebens,
systematisch angelegt ist. Wer hat nun daran Schuld? Der Vater? Die
Schule? Die Familie? Der Richter? Das Gefängnis? Der Psychologe? Der
Häftling?
Die Gefangenen schreiben, und in dem Akt des Schreibens verarbeiten sie
auf eindrucksvolle "Weiseauch die Schuld, die sie auf sich geladen
haben, und wie sie durch das Schreiben über die Schuld, sich von ihr
befreien.
Interessant scheint mir in diesem Zusammenhang, wie sich Menschen aus
dem juristischen Umfeld zur Frage von Schuld und Befreiung äußern.
»Schuld« ist zum Beispiel ein Schwerpunktthema des ehemaligen
Strafverteidigers und Schriftstellers Ferdinand von Schirach. Er erwähnt
im Vorwort des Buches »Verbrechen- seinen Onkel, Vorsitzender Richter in
einem Schwurgericht, der in seinem Abschiedsbrief vor dem Suizid
folgende Zeile hinterlässt:
»Die meisten Dinge sind kompliziert, und mit der Schuld ist es so
eine Sache.«
Ferdinand von Schirach selbst notiert:
»Ich schreibe über Strafverfahren, ich habe in mehr als 700
verteidigt. Menschen, Aber eigentlich über sein Scheitern, schreibe
ich über den seine Schuld und seine Großartigkeit.«
Schreibend über Straftäter und das Thema Schuld, sagt er einmal in einem
Interview, kann er dem Menschen gerechter werden als in seinem
ehemaligen Beruf.
Aufsehen erregt hat auch Thomas Galli, Schirmherr des
Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises, der lange Jahre als Leiter in
verschiedenen Gefängnissen deutschlandweit tätig war und dann seinen
Beruf aufgegeben hat, weil er der Überzeugung ist, dass Gefängnisse
niemandem nützen. Er beschäftigt sich u.a. ausgiebig mit der Behandlung
der Schuldfrage im Strafvollzug. Dabei tritt er ein gegen die
strafrechtliche Vergeltung. In zahlreichen Beispielen führt er aus, dass
Strafe für eine Schuld die falsche Therapie eines fehlgeleiteten
Gefängnisses ist.
Diese Auffassung scheint mir stichhaltig. Von dem Aufruf, sich der
eigenen Schuld zu stellen und sich ihr mit den Mitteln
sprachlich-literarischer Form zu widmen, fühlten sich viele Gefangene
(s.o.) angesprochen. Die Texte sind beindruckend und zeigen, wie die
VerfasserInnen durch das Schreiben zu sich selbst gefunden haben. Eine
Ichstärke geformt haben und bereit sind, Hoffnungen und Ziele
aufzubauen, wozu sie allen Grund haben.
»Aber ich kann wieder etwas gut machen. Denn wenn ich Leben
zerstören kann, dann habe ich auch die Macht, - auch wenn Ihr das
vielleicht nicht verstehen könnt -, Leben zu fördern, Menschen zu
unterstützen, in Leid, in Not - und in Schuld.« (Frank Bieber-Kopf)
»Ich sehe meine Schuld als per- sönliche Verantwortlichkeit, jedem
anderen Menschen über alles Menschenmögliche zu unternehmen, zu
'entschulden'.«
(Christian »Bär« Templiner)
Es gibt keine plausible, ernsthafte Begründung, warum die Autorinnen,
die sich nachweislich schreibend befreit haben, noch im Gefängnis
eingesperrt werden, zumal sie unter den Bedingungen des Strafvollzugs
keine weitere positive Unterstützung zu erwarten haben. Im Gegenteil ist
zu befürchten, dass sie ihre geglückte Selbstfindung und Befreiung im
Laufe der weiteren Inhaftierung, verlieren. Sie würden weiterhin
bestraft für etwas, das sie schreibend überwunden haben. Das Strafrecht
würde ihnen nicht helfen, sondern schaden. Seine Wirkung wäre
kontraproduktiv.
»Strafrechtliche Vergeltung von Schuld schadet uns allen«
(Thomas Galli, Weggesperrt, S.154)
Das Strafrecht ist ein »Recht«, dass den wahren Sinn von Recht
missbraucht. Zur Befreiung von »Schuld« führt keine »totale Institution«
wie das Gefängnis, eher die Befreiung von dieser Institution. Es gilt
nicht die Schuld zu bekämpfen, sondern das Strafrecht umzuwandeln.
Was macht man also mit den Gefangenen, die sich »entgegen dem Knast«
befreit haben und befähigt sind, Verantwortung zu übernehmen und in der
Zukunft straffrei zu leben? Es macht keinen Sinn, dass sie weggesperrt
sind, zumal sie sich von der Schuld mit therapeutischer Wirkung
schreibend befreit haben. Es gibt keinen Grund, dass sie im Gefängnis
festgehalten werden. Das Gefängnis als totale Institution würde
allenfalls zu einer Zerstörung des Befreiungsprozesses führen. Folglich
müssten die AutorInnen entlassen werden. Eine Entlassung würde
allerdings zu einem Folgeproblem der überflüssigen strafrechtlichen
Verurteilung führen. Thomas Galli stellt fest:
»In vielen Fällen wirkt das Stigma als 'Ex-Knacki' noch stärker als
das der Straftaten an sich... Das Ein- und Wegsperren vermittelt uns
sehr eindringlich, dass es sich wohl um einen gefährlichen und bösen
Menschen handelt, der zumindest für eine Zeit nicht mehr unter uns
leben darf.«
(a.a.O., S.155)
Es mag absurd klingen, dass das Strafrecht und das Gefängnis das
Hauptziel der Resozialisierung nicht erreichen. Im Gegenteil verhindern
sie die erhoffte Resozialisierung und verletzen somit das oberste Gebot
des Strafvollzugsgesetzes. Sieht man den auf diese Art und Weise
angerichteten Schaden, den sie den Menschen zufügen, so verletzen sie
zugleich das primäre Ziel des Grundgesetzes: »Die Würde des Menschen ist
unantastbar«, und zwar eines jeden Menschen, auch der Gefangenen.
Warum sitzen sie dann noch?