# Schuld - Tinnitus der Seele


Schuld - Tinnitus der Seele


Inhaltsverzeichnis

# Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene 2024

Schirmherrschaft Maximilian Pollux
Rhein-Mosel Verlag 2025

ISBN 978-3-89801-482-3
Preis 12,00 € (Taschenbuch)

Die Preisverleihung fand am 08. Dezember 2024 im
Festsaal des historischen Rathauses Münster
statt.

# Inhalt


Maximilian Pollux
Geleitwort 9

Helmut H. Koch
Vorwort
Warum sitzen sie noch? Sich schreibend befreien. 15

Prämierte Texte

Frank Bieber-Kopf
Metanoia - Ein Blatt Papier 27

Christian »Bär« Templiner
Eine Verantwortung 31

NixeBix Heumann
Ich war es 40

Rero W.
Ich habe Angst 42

theya
Schwingungen 74

Mario Wolf
Über die Suche nach Schuld und darüber,
sein Leben zu verschleudern 76
Für mich als Jude 78

Stephan S.
Was macht Schuld Was 81

Moro
Tinnitus der Seele 83

Helmut Pammier
Verboten - Sicherungsverwahrung 86
Spurlos 88
Wollen? 89

Mayhem Fontaine
Der Seelenräuber 90

Boo
Schritt für Schritt 98

Senhor José
Wie Santiago in Akten Merkwürdiges fand 100

S.R.
SCHULD 114

Anonym
Fehlerkultur. Ein Trauerspiel 116

Roland Hörnig
Steven 126

Felix Broy
Zwiesprache mit meinem Gewissen 138


Anhang


Aufruf 145
Die Autorinnen 146
Die Jury 152
Nachrufe 154
Die Satzung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene 157

# Maximilian Pollux

Geleitwort

"Mein Name ist Maximilian Pollux.
Das war nicht immer so. In meinem alten Leben trage ich andere Namen. In Tschechien Christian Gerber. In Spanien Manuel Hertz. Und in den Niederlanden Miguel List.
Das war alles vor meiner Verhaftung im Jahr 2005.
Vieles veränderte sich an diesem Tag in Amsterdam, als ein niederländisches Arrestatieteam meine zwei Jahre andauernde Flucht beendet.
Und Namen spielen für die nächsten 9 Jahre und 8 Monate eine untergeordnete Rolle. Aus mir wird die Nummer 16/07. Einer von vielen.
Als Insasse in Deutschlands unbequemstem Hochsicherheitsgefängnis sollte ich meine Vergangenheit der vielen Namen vergessen. Hier in Bayern, in der JVA Straubing ticken die Uhren anders. Nicht nur Namen, auch Jahre verlieren hier an Bedeutung. Und ich füge mich in diese Maschinerie. Muss mich fügen, um nicht aufgerieben zu werden, und tausche meine vielen Namen gegen eine Nummer.
Ich werde also der Gefangene 16/07.
Als Gefangener, der was auf sich hält, schreibt man viel:
Anträge, Beschwerden und Briefe.
Viele Briefe.
Briefe aus Liebe, Briefe aus Wut. Briefe aus Verbundenheit. Briefe aus der Not, aus Langweile, Briefe voller Hoffnung, Frust oder Humor.
Die meisten Gefangenen schreiben.
Schreiben ist ein fester Teil des Lebens in Haft.
Eines Tages bringt mich ein Beamter zum Arzt, und wir kommen am schwarzen Brett vorbei. Zwischen den Aushängen, die uns Gefangene etwa darüber informieren, dass unsere Anträge auf ein Digitalradio abgelehnt wurden oder dass während der nächsten acht Wochen kein Außensport stattfindet, hängt ein Aushang, der meinen Blick einfängt: Die Ausschreibung für den "Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene".
Ich hatte in der Vergangenheit schon wiederholt gehört, dass es so etwas gebe, aber ich hatte meine Teilnahme bis dahin nicht in Erwägung gezogen.
Warum sollte sich jemand dafür interessieren, was ich schreibe?
Diesmal ist meine Situation jedoch eine andere, denn ich sitze seit einigen Wochen in Absonderungshaft. Wie alles hat diese Maßnahme, mit der das Personal und andere Gefangene vor mir geschützt werden sollen, eine Nummer: 19/3.
Wie alle Nummern in einem Gefängnis sagt sie nichts Wesentliches aus.
Und gleichzeitig alles.
Drei Monate lang soll ich von meinen Mitgefangenen abgesondert werden. Ich darf nicht mehr mit den anderen in den Hof, und auch jetzt werde ich allein zum Arzt gebracht.
Unter dem ungeduldigen Blick des Begleitbeamten bleibe ich kurz stehen und überfliege den Text.
In großen Buchstaben steht dort das Thema der diesjährigen Ausschreibung - "Einsamkeit".
Ich weiß nicht mehr, was dort sonst noch stand, aber im Grunde werden alle Gefangenen, die Lust haben mitzumachen, aufgefordert, einen Text zum Thema Einsamkeit einzusenden. Ob Gedicht, FIießtext oder Haiku ist egal.
Erst auf dem Rückweg vom Arzt frage ich den Beamten ob ich mir kurz die Adresse abschreiben kann, an die man den Text schicken soll.
Das Thema holt mich ab. Ich sitze nämlich von meinen Mitgefangenen abgesondert in einer Einzelzelle. Wer, wenn nicht ich, müsste da abliefern können. Das krieg ich hin, denk ich mir, und noch am selben Abend beginne ich zu schreiben.
Ich schreibe von Hand. Eine Short Story. Nur wenige Seiten. Ohne Intro. Direkt aus meinem Hirn durch mein Herz über meine Finger aufs Papier. Am nächsten Morgen gebe ich die paar Seiten in die Post.
Als Pseudonym wähle ich den Namen Maximilian Pollux. Es ist seit vielen Jahren das erste Mal, das ich mir ein Pseudonym zulege. Die Geschichte heißt »Der Fixstern«, und ich mag die drei X.
Zu sagen, ich hätte mir keine Hoffnung auf den Sieg gemacht, wäre untertrieben. Ich habe darauf gehofft.
Aber die Wochen vergehen. Ich verlasse die Absonderung, werde auf einen anderen Gang in ein anderes Haus verlegt. Ich lebe mich ein und werde wieder zur Nummer 16/07. Bis eines Tages überraschend ein Brief in meine Zelle flattert. Die Jury teilt mit, dass »Der Fixstern« zu den diesjährigen Preisträgern gehört!
Und ich weiß noch, dass ich meine Freude herausgrinse. Ich trommle mir auf die Brust und fühle mich für einen Moment, als hätte ich einen Boxkampf gewonnen.
Im Preis inbegriffen ist die Veröffentlichung der Geschichte in einer Anthologie, also einer Sammlung von Texten verschiedener Autoren. Und Leute, das war der erste von mir geschriebene Text, der jemals gedruckt und in einem Buch veröffentlicht wurde; und das man kaufen konnte.
Es war die erste Bestätigung, dass das, was ich schrieb, von den Juroren für gut befunden wurde, dass meine Art zu erzählen verstanden wurde. Dass ich nicht für mich alleine schreibe. Dass ich in all den Jahren im Knast das Feedback erhielt, etwas gut gemacht zu haben!
Einige Zeit zuvor hatte ich mit der Arbeit an einem Roman begonnen, und die Wertschätzung, die der "Fixstern" erfuhr, motivierte mich weiterzuschreiben. Denn wie jeden Autor hätte mich die Frage "Wer soll das denn lesen?" beinahe gekillt.
Ich weiß das, und kann deshalb heute sagen, dass diese Auszeichnung und noch viel mehr, das gedruckte Exemplar in den Händen zu halten, der Grund dafür ist, warum ich immer noch schreibe: während der verbleibenden Haftjahre hatte ich zwei Manuskripte fertig gestellt. Einen Roman und ein Kinderbuch. Das war alles, was ich mitnahm, als ich nach neun Jahren traumatisiert, entwurzelt und ziellos entlassen wurde.
Und obwohl es nicht viel war, war es am Ende genug, denn inzwischen wurden beide Texte als Bücher veröffentlicht.
Heute bin ich von Beruf Autor und Podcaster, und es gibt nichts, was mich stolzer macht als das Angebot, die Schirmherrschaft über eben jenen Literaturpreis zu übernehmen, ohne den es meine Karriere so nicht gegeben hätte.
Meine Frau Catherina und ich haben 2019 mit dem »SichtWaisen e.V.« einen Jugendhilfeträger gegründet, und wir arbeiten seither mit Jugendlichen, die mit einem oder bereits beiden Beinen im Knast standen, und dabei haben auch wir viel gelernt.
Wenn ich Jugendliche davon abhalten will, kriminell zu sein, wirkt es tausend Mal präventiver, ihnen Hoffnung zu geben, indem wir sie positiv bestärken, anstatt sie zu bestrafen.
Was mich überhaupt nicht zum Besseren verändert hat, waren die vielen Male, die ich zur Strafe und zur Abschreckung in Absonderung saß. Aber dieses eine Mal, als ich ein Gewinner war, als ich von außen gesehen und wertgeschätzt wurde, hat mein ganzes Leben zum Positiven verändert.
Das ist es, was den Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis Gefangene so wertvoll macht.
Ich danke allen Beteiligten des Trägerkreises und der Jury, vor allem Professor Helmut Koch, der mit seiner jahrzehntelangen Arbeit so viele Leben berührt und bewegt hat. Ich glaube seine Leistung wird man erst in hundert Jahren wirklich anerkennen können, so weit ist er seiner Zeit voraus.
Mein ganz besonderer Dank gilt Hubertus Becker. Meinem Mentor, meiner Inspiration und meinem Freund, ohne den ich heute nicht hier sitzen würde. Er war schon 2011 Mitglied der Jury, die meinen Text gekürt hat. 2017 haben Helmut Koch und er mir dann dabei geholfen zum Rhein-Mosel-Verlag zu finden, und 2024 hatten sie die Idee, mir die Schirmherrschaft anzubieten.
Außerdem danke ich den Gefangenen, die die Courage hatten, ihre Gedanken zu Papier zu bringen und bei der Jury einzureichen. Euer Mut, mehr zu sein als eine Nummer, erweckt diese wunderbare Idee zum Leben. Ich hoffe, dieses Buch heute in den Händen zu halten, fühlt sich für euch so gut an, wie damals für mich »Cemeinsam einsam«.
Und um es mit Hubis Worten zu sagen - Wer diese Texte liest, leistet Widerstand.
So gilt mein Dank an euch, die im Trägerkreis und bei der Jury Engagierten, an jeden einzelnen Leser und Unterstützer. Ohne Leser wären wir Schreiber nichts! Und jetzt, viel Spaß beim Eintauchen in den Bauch des Monsters."


# Helmut H. Koch

Vorwort

Warum sitzen sie noch? Sich schreibend befreien.

Die Gefangenenliteratur entwickelte sich intensiv in den 70er Jahren im Kontext der Erarbeitung eines Strafvollzugsgesetzes. Die Gefangenen sahen nun die Möglichkeit für eine Demokratisierung und Humanisierung des Strafvollzugs gekommen und damit auch für die Erweiterung ihrer eigenen Interessen und Möglichkeiten.
Die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz, nach der unser Literaturpreis benannt ist, setzte sich ein Leben lang für die Unterprivilegierten des Landes, speziell auch für die Gefangenen ein. Sie ging in die Gefängnisse und leistete praktische Hilfe, beispielsweise indern sie Nahrungsmittel hineinbrachte. Sie förderte das Schreiben in Gefängnissen und stand auch im Briefwechsel mit Gefangenen. 1979 konstatierte sie: »Schreiben in Gefängnissen, davon hat man vor 10 Jahren nicht gesprochen.« In ihrem Buch »Schatten im Kalk« veröffentlichte sie über 150 literarische Texte von Gefangenen, wie auch Prosatexte und persönliche Briefe. Sie erwähnt auch ihre Zusammenarbeit mit zahlreichen SchriftstellerInnen, unter anderem mit Johann P. Tammen, dem Herausgeber von »die horen« und der Gruppe »Mit Worten unterwegs« (Gründerin Astrid Gehlhoff-Claes). Ferner arbeitete sie im PEN-Club und im Verband deutscher SchriftstellerInnen, wo sie sich auch für die Anerkennung der Gefangenenliteratur einsetzte.
Die Hoffnung der Gefangenen auf weitergehende Rechte durch die Erarbeitung eines neuen Strafvollzugsgesetzes wurde enttäuscht. Gerade deswegen war das Engagement der ver- schiedenen Schriftstellergruppen so wichtig, um die Stimmen der Eingesperrten und ihre Belange nach außen hin erfahrbar zu machen. »...ein Prozess auch, der öffentlich macht, was öffentlich sein sollte: dass die in der Haft unseres Vertrauens, nicht aber unserer Verachtung bedürfen; dass ihr Scheitern und unser Scheitern vielleicht graduell verschieden sind, weil wir entweder aus sozial stabileren Familien kommen oder befähigter sind, uns einzufügen, anzupassen, unsere Leidenschaften zu kontrollieren; weil wir uns den Zweifel an moralischen Kategorien nicht gegönnt haben; weil wir mehr Glück hatten (Glück als Chance, uns zu behaupten verstanden); und vielleicht auch, weil wir uns besser durchzumogeln verstanden haben.« (Schatten im Kalk, S. 9)
Parallel gab es eine gleichgerichtete Initiative von Gefangenen, die nicht nur selbst literarisch tätig waren, sondern auch in damit zusammenhängenden Bereichen: der Produktion eigener Bücher, Gefangenenzeitungen und der Installation eines eigenen Verlages, der allerdings später vom Staat verboten wurde. Dieser Verlag wurde getragen von einer »Autorengemeinschaft« unter der Leitung von Felix Kamphausen. In der Anthologie »Aufbruch« heißt es: »Dieses Buch soll auch anderen Mut machen, nicht im zermürbenden Haftalltag zu resignieren, sich nicht in die stigmatisierende Rolle der Hilflosen drängen zu lassen, sondern aufzubrechen, zu einem besseren Morgen!« (Die Psychiatrisierung, S. 143)
Im Kontext der Förderung der Gefangenenliteratur entstand Anfang der 80er Jahre zwischen der Gefangeneninitiative Dortmund und der Arbeitsstelle Randgruppenkultur an der Universität Münster eine enge Kooperation. Beide hatten das gemeinsame Anliegen, das Schreiben im Gefängnis zu fördern. »Mit Worten durchbrechen« schreibt Stefan Straub. Es erschienen auch an der Forschungsstelle der Universität Münster eine Reihe wissenschaftlicher Publikationen mit dem Schwerpunkt Gefangenenliteratur. Auch das Strafvollzugsarchiv Bremen (jetzt Dortmund), unter der Leitung von Johannes Feest, unterstützte aktiv die Gefangenenliteratur.
Um das Interesse an der Gefangenenliteratur zu stärken, beschlossen die Gefangeneninitiative Dortmund und die Arbeitsstelle Randgruppenkultur an der Universität Münster einen Preis zu etablieren: den »Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene«. Das Anliegen des Preises ist, den Gefangenen die Möglichkeit zu geben, in literarischer Form und authentischen Berichten die Situation in den Gefängnissen darzustellen und der Öffentlichkeit vor Augen zu führen. Der »Ingeborg- Drewitz-Literaturpreis für Gefangene« wurde zum ersten Mal 1989 vergeben und von da an alle drei Jahre. In diesem Jahr wird der Literaturpreis zum zwölften Mal verliehen unter dem Dach der Chance e. V. Münster.
Den Aufrufen zur Beteiligung am »Ingeborg-Drewitz-Preis- ist immer ein Motto als Anregung vorangestellt, das zum Schwerpunkt die Lebensweise der Gefangenen sowie die rea- le Situation im Knast und unter anderem auch die Frage der Realisierung der Reformziele des Gefängnisses anspricht. In der aktuellen Ausschreibung (s. Anhang S. 145) ist als Motto: »Schuld- gewählt. Damit unterscheidet sich das diesjährige Motto von denen der vergangenen Jahre, da weniger die Kritik am Gefängnis als Institution, sondern das eigene Ich, die seelische Belastung, im Vordergrund steht. Eventuellen Befürchtungen der Gefangenen, zu sehr Intimes preiszugeben, sind wir insofern entgegengetreten, als wir den AutorInnen Ano- nymität zugesichert haben. Sehr schnell nach der Ausschrei- bung konnten wir feststellen, dass das Motto »Schuld« auf ein beachtliches Interesse stieß.
Dennoch blieben einige Gefangene gegenüber dem Motto besorgt, wie die Notizen von Rero W. zeigen: »September 2023. Ich lese die Ausschreibung für den Ingeborg Drewitz Literatur Wettbewerb und mein Inneres verkrampft sich. Thema: Schuld. »Schuld ist ein unangenehmes, belastendes, kleinmachendes Gefühl ...« steht in der Ausschreibung. Nette Untertreibung. Wer bin ich, dass ich über Schuld zu schreiben das Recht hätte, außer meiner eigenen. Ich habe Angst. Angst vor all dem, Wovon ich glaubte, es hinter mir gelassen zu haben, in all den behandlerischen Gesprächen und der täglichen Meditation und dennoch ... »Du entgehst keinem Gefühl, wenn du es nicht ganz und gar durchlebt hast«, hatte ich irgendzoo gelesen. Nun holt mich die Weisheit ein. Ich finde immer wieder einen Grund nicht zu schreiben.« »23. Dezember 2023. Ich muss mich meinen Ängsten stellen. Der einzige Weg aus dem Leid ist mitten hindurch.«
Eindrucksvoll sind die verschiedenen Schilderungen der Schuld in oft knappen Darstellungen, dennoch voller sprach- licher Intensität. Bis ins Innerste erschüttert über das eigene Versagen, die Verzweiflung über die eigene schwere Schuld, die selbst ausgeführte Gewalt gegenüber nahestehenden und geliebten Menschen. Einige AutorInnen scheinen verstrickt in tiefste Schuldgefühle und versuchen, nun schreibend eine ver- spätete Annäherung an eine von ihnen sehr nahestehende Person. In den Texten selbst ist nur zu erahnen, dass sie diesem Menschen möglicherweise Gewalt angetan haben. »Ich war es. Laut oder leise - Sprechen vor Grauen kaum möglich. Dabei würde ich am liebsten laut schreien. Ich war es. Ein Gefängnis zum Aufenthalt nicht nötig. Ich bin aufewig mein Gefängnis.« (NixeBix Heumann) »Meine Schuld hat mich die ganzen Jahre immer mehr wie in einer Spirale aufgezogen, zu einem Punkt hin, der es mir jeden Tag schwerer macht, in den Spiegel zu sehen.« (Christian »Bär« Templiner) »Aber wenn der Schmerz kommt, dann ist er nicht zu ertragen. Dann fühlt er sich schuldig, bestraft sich selbst, zerstört sein Glück und sucht seine Schuld!« (Mario Wo]f)
Die eingereichten Texte sind erschütternd authentisch, sie geben uns Außenstehenden einen tiefen Einblick in die psychische Situation ihrer VerfasserInnen. Sie handeln von der differenzierten Wahrnehmung des eigenen Zustandes. Sie sind höchst emotional und eindrucksvoll in der Gestaltung von Sprache. Wie gehen die Gefangenen mit dem Aspekt der schweren seelischen Belastung der eigenen Tat um? Wie können sie unter den Bedingungen der Haft damit zurechtkommen? Es fällt nicht schwer, die Ausdrucksstärken in kurzen Beispielen anzudeuten: »Meine Schuld ist ein Abgrund, dunkel, tief, in der ich sie, mich verloren habe.« (Frank Bieber-Kopf) »Oder habe ich damals schon meine Schuld dafür abbezahlt, was ich aus meinem Leben gemacht habe. Wie ich regelmäßig meine Zukunft sinnlos hergegeben habe?« (Mario Wolf) »Meine Schuld ist schwer, ein Menschenleben schuier.« (MORO)
Waren es bei den bisherigen Ausschreibungen die mächtigen Außenmauern des Gebäudes Gefängnis, die es, bildlich gesprochen, einzureißen galt (vgl. Anthologie »Vvenn Wände erzählen könnten«), so sind es nun die seelischen Schutzwälle eines jeden einzelnen Gefangenen, die gezeigt werden und die es zu öffnen gilt, zum einen als Chance, sich selbst besser zu akzeptieren und zum anderen auch für die Gesellschaft draußen, damit sie die Menschen drinnen, die Weggesperrten, verstehen lernten. »Icn schreie stumm gegen den Schmerz in meinem Innern, gegen die unendlich große Scham meiner Schuld/Taten an ... « (Christian »Bär« Templiner) Das Motto »Schuld« richtet den Blick auf einen anderen Aspekt im Leben der Gefangenen, nämlich nicht mehr primär gegen das Knastsystem zu agieren, sondern vielmehr ist das Motto eine Frage an die Gefangenen, sich selbst mit der eigenen Tat auseinanderzusetzen. »Ohnmächtig, Tod gegen Leben zu tauschen. Ohnmächtig, in die Unterwelt zu steigen, einen Menschen zurückzubringen. Ohnmächtig, mein Leben gegen ein anderes, gegen ihres zu tauschen» (Frank Bieber- Kopf) »Nichts kann die Schuld auslöschen, nichts bringt Metin je zurück, aber wenn ich mich veränder', ehre ich ihn damit ein Stück» (Boo) Auch macht das Motto »Schuld« sehr deutlich, dass noch eine andere schwere Bürde im Gefangenen existiert, die ihn auch zusätzlich zur Knastsituation belastet bis hin zur Ausweglosigkeit, zum Suizid. Dies wird durch den Charakter der Gefängnisse noch verstärkt! »Eigentlich wünsche ich mir eben seit diesem Tag, dass man sich in diesem Krieg, der sich Leben nennt, umbringt.« (Christian »Bär« Templiner) »Es ist, als wäre ich ein schwarzes Loch, als stünde ich im Zentrum eines Abgrundes, der jedem, was ihm zu nahe kommt, Tod und Verderben beschert.« (Mayhem Fontaine)
Zahlreiche Textsorten wie Lyrik, Selbstdialoge, fiktive Gespräche, Erzählungen, fantastische Geschichten, Kritik zum Zeitgeschehen, Erinnerungen, Wortcollagen, Theater, Briefe und Biografien sind eingeschickt worden.
Exemplarisch möchte ich auf die biografische Darstellung von Rero W. eingehen, die mich sehr beeindruckt hat. Der Autor plädiert dafür sich dem Thema »Schuld- zu stellen wie Eingangs bereits erwähnt. Er entwirft ein sehr offenes, kritisches Bild seiner persönlichen Begegnung mit dieser Thematik in verschiedenen Stationen seines Lebens. Zum Beispiel schildert er geradezu unverblümt und fast rücksichtslos das Bild seines brutalen, autoritären und die Familie tyrannisierenden Vaters. Es entsteht der Eindruck eines eingeschüchterten, ungeliebten, in vieler Hinsicht unterdrückten Jungen, der sich zudem als Folge dieser »Erziehung. fälschlich sogar für lebensbedrohende Krankheiten seiner vielgeliebten vierjährigen Schwester verantwortlich fühlt. Der Vater mag Waffen und bringt ihm den Umgang mit Gewehren bei, was ihm den Weg 'zu Abgründen ebnet. Nachdem verschiedene berufliche Anläufe misslingen und zudem sein unterentwickeltes Ich ihm empathische Beziehungen nicht ermöglicht, gerät er zunehmend in problematische Situationen, wird drogensüchtig und kriminell. Später begeht er dann sogar einen Mord. Sein mitmenschlicher Kontakt wird auch dadurch extrem vermindert, dass er im Gefängnis den Selbstmord eines engen Freundes und kurz darauf auch noch den Suizid eines weiteren Mitgefangenen erleben muss. All dies beschreibt er in konkreten, teils kargen Worten, staccatoartig ein ganzes Menschenleben und davon »16 Jahre sterbend« im Gefängnis (vgl. Autoren S. 150).
Einen ausführlichen Raum nimmt die Darstellung einer extrem misslingenden, gleichgültigen sozialen und psychologischen Betreuung ein. Es zeichnet sich sehr konkret das Bild einer Häftlingsbehandlung ab, die dem gesetzlichen Ziel des Gefängnisses diametral widerspricht. Verschiedentlich führt sie sogar zu Überlegungen von Suizid. Erst über Jahre hinweg und durch die Auswechslung der Therapeuten/Psychologen und des Personals in der Venvaltung, bekommt er Boden unter den Füßen. Dennoch gibt es Stockungen in der Behandlung seines Falles, so dass er sich immer wieder an der Grenze zum Selbstmord bewegt. Ein kompliziertes Hin und Her, er wird immer wieder weitergereicht in der Hierarchie der zuständigen Behörden. Er verliert mehr und mehr die Hoffnung auf ein gutes Ende. Schließlich erhält er endlich die Möglichkeit zum offenen Vollzug. Er darf die Familie besuchen und schöpft neue Lebenshoffnung.
Diese biografische Darstellung zeigt, wie schnell das Abrutschen durch mangelnde, unvermögende Erziehung und Gefährdung des Lebens, systematisch angelegt ist. Wer hat nun daran Schuld? Der Vater? Die Schule? Die Familie? Der Richter? Das Gefängnis? Der Psychologe? Der Häftling?
Die Gefangenen schreiben, und in dem Akt des Schreibens verarbeiten sie auf eindrucksvolle "Weiseauch die Schuld, die sie auf sich geladen haben, und wie sie durch das Schreiben über die Schuld, sich von ihr befreien.

Interessant scheint mir in diesem Zusammenhang, wie sich Menschen aus dem juristischen Umfeld zur Frage von Schuld und Befreiung äußern. »Schuld« ist zum Beispiel ein Schwerpunktthema des ehemaligen Strafverteidigers und Schriftstellers Ferdinand von Schirach. Er erwähnt im Vorwort des Buches »Verbrechen- seinen Onkel, Vorsitzender Richter in einem Schwurgericht, der in seinem Abschiedsbrief vor dem Suizid folgende Zeile hinterlässt: »Die meisten Dinge sind kompliziert, und mit der Schuld ist es so eine Sache.« Ferdinand von Schirach selbst notiert: »Ich schreibe über Strafverfahren, ich habe in mehr als 700 verteidigt. Menschen, Aber eigentlich über sein Scheitern, schreibe ich über den seine Schuld und seine Großartigkeit.« Schreibend über Straftäter und das Thema Schuld, sagt er einmal in einem Interview, kann er dem Menschen gerechter werden als in seinem ehemaligen Beruf.
Aufsehen erregt hat auch Thomas Galli, Schirmherr des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises, der lange Jahre als Leiter in verschiedenen Gefängnissen deutschlandweit tätig war und dann seinen Beruf aufgegeben hat, weil er der Überzeugung ist, dass Gefängnisse niemandem nützen. Er beschäftigt sich u.a. ausgiebig mit der Behandlung der Schuldfrage im Strafvollzug. Dabei tritt er ein gegen die strafrechtliche Vergeltung. In zahlreichen Beispielen führt er aus, dass Strafe für eine Schuld die falsche Therapie eines fehlgeleiteten Gefängnisses ist.
Diese Auffassung scheint mir stichhaltig. Von dem Aufruf, sich der eigenen Schuld zu stellen und sich ihr mit den Mitteln sprachlich-literarischer Form zu widmen, fühlten sich viele Gefangene (s.o.) angesprochen. Die Texte sind beindruckend und zeigen, wie die VerfasserInnen durch das Schreiben zu sich selbst gefunden haben. Eine Ichstärke geformt haben und bereit sind, Hoffnungen und Ziele aufzubauen, wozu sie allen Grund haben. »Aber ich kann wieder etwas gut machen. Denn wenn ich Leben zerstören kann, dann habe ich auch die Macht, - auch wenn Ihr das vielleicht nicht verstehen könnt -, Leben zu fördern, Menschen zu unterstützen, in Leid, in Not - und in Schuld.« (Frank Bieber-Kopf) »Ich sehe meine Schuld als per- sönliche Verantwortlichkeit, jedem anderen Menschen über alles Menschenmögliche zu unternehmen, zu 'entschulden'.« (Christian »Bär« Templiner)
Es gibt keine plausible, ernsthafte Begründung, warum die Autorinnen, die sich nachweislich schreibend befreit haben, noch im Gefängnis eingesperrt werden, zumal sie unter den Bedingungen des Strafvollzugs keine weitere positive Unterstützung zu erwarten haben. Im Gegenteil ist zu befürchten, dass sie ihre geglückte Selbstfindung und Befreiung im Laufe der weiteren Inhaftierung, verlieren. Sie würden weiterhin bestraft für etwas, das sie schreibend überwunden haben. Das Strafrecht würde ihnen nicht helfen, sondern schaden. Seine Wirkung wäre kontraproduktiv. »Strafrechtliche Vergeltung von Schuld schadet uns allen« (Thomas Galli, Weggesperrt, S.154)
Das Strafrecht ist ein »Recht«, dass den wahren Sinn von Recht missbraucht. Zur Befreiung von »Schuld« führt keine »totale Institution« wie das Gefängnis, eher die Befreiung von dieser Institution. Es gilt nicht die Schuld zu bekämpfen, sondern das Strafrecht umzuwandeln.
Was macht man also mit den Gefangenen, die sich »entgegen dem Knast« befreit haben und befähigt sind, Verantwortung zu übernehmen und in der Zukunft straffrei zu leben? Es macht keinen Sinn, dass sie weggesperrt sind, zumal sie sich von der Schuld mit therapeutischer Wirkung schreibend befreit haben. Es gibt keinen Grund, dass sie im Gefängnis festgehalten werden. Das Gefängnis als totale Institution würde allenfalls zu einer Zerstörung des Befreiungsprozesses führen. Folglich müssten die AutorInnen entlassen werden. Eine Entlassung würde allerdings zu einem Folgeproblem der überflüssigen strafrechtlichen Verurteilung führen. Thomas Galli stellt fest: »In vielen Fällen wirkt das Stigma als 'Ex-Knacki' noch stärker als das der Straftaten an sich... Das Ein- und Wegsperren vermittelt uns sehr eindringlich, dass es sich wohl um einen gefährlichen und bösen Menschen handelt, der zumindest für eine Zeit nicht mehr unter uns leben darf.« (a.a.O., S.155)
Es mag absurd klingen, dass das Strafrecht und das Gefängnis das Hauptziel der Resozialisierung nicht erreichen. Im Gegenteil verhindern sie die erhoffte Resozialisierung und verletzen somit das oberste Gebot des Strafvollzugsgesetzes. Sieht man den auf diese Art und Weise angerichteten Schaden, den sie den Menschen zufügen, so verletzen sie zugleich das primäre Ziel des Grundgesetzes: »Die Würde des Menschen ist unantastbar«, und zwar eines jeden Menschen, auch der Gefangenen.
Warum sitzen sie dann noch?


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