Mit dem Ingeborg-Drewitz-Preis sollen zum einen Inhaftierte motiviert und unterstützt werden, ihre Situation literarisch zu verarbeiten. Zum anderen soll der Gefangenenliteratur (auch Knastliteratur oder Randgruppenliteratur genannt) mehr Öffentlichkeit verschafft und damit eine kritische Auseinandersetzung mit dem Strafvollzug gefördert werden.
“Daß Ingeborg Drewitz ein volles Leben gehabt hat, das zu sagen ist fast eine Binsenweisheit.” So postulierte es Erich Fried am 11. Januar 1987 in seiner Berliner Gedenkrede auf Ingeborg Drewitz. Andererseits jedoch, so schränkte er ein, “stimmte es nicht ganz: Sie hat, ebenso wie Böll oder Christa Wolf oder ich, in einem Sinn kein volles Leben gehabt, weil soviel von diesem Leben damit verbracht werden mußte, Unrecht abzuwehren oder doch zu mildem und den Opfern des Unrechts zu helfen, statt einfach das Leben …zu genießen.” Schon seit vielen Jahren mühte und engagierte sie sich - oft bis zur Erschöpfung -, in einem Prozeß standzuhalten, der öffentlich macht, was öffentlich sein sollte, aber vielfach doch eine ausgesparte Wirklichkeit, eine bewußt unterdrückte Wahrheit blieb: die Wirklichkeit der Knäste, die Mängel der Vollzugsreform, die Entmündigung der Strafgefangenen - und unser fataler Hang zum Strafen als Akt der Gewissensentlastung. Ingeborg Drewitz wußte um sie - und erlitt sie: die Dimensionen der Versehrungen all derjenigen, die ins Abseits geraten sind, die Deklassierung der Täter, denen man nicht zubilligen möchte, daß sie auch Opfer sind, die deprimierende Struktur des sozialen Untergrunds: davon, so klagte sie an, “davon spricht man nicht!” Ihr alltägliches Bemühen galt einem Menschheitstraum, dem lebendigen Frieden für alle Menschen auf Erden in einem demokratischen Alltag, von dem sie überzeugt war (dennoch), daß er Gestalt annehmen könne, gelänge es nur, den einzelnen zur Verantwortung zu mahnen:
“Daran liegt mir sehr viel. Weg von der Resignation, die jeden von uns als Lebensfrage von Anfang an begleitet.” Verantwortung: Sie selber hat sich ihr nie entzogen. Nicht nur rühmlich, sondern beispielhaft über alle Maßen ihr Wirken für Autoren und Künstler in sozialer Not und existentieller Gefährdung, ihr Eintreten für einen humanen Strafvollzug und ihr persönlicher Einsatz für die Verwirklichung der Gesetzesmaxime “Resozialisierung”: “Wir verschaffen uns ein reines Gewissen beim Strafen”, so klagte sie an, “indem wir das Versagen dieser Gesellschaft eilfertig in die Schuld des Täters umdichten - und allen Erfahrungen zum Trotz auf Vergeltung beharren. Kann man das ändern?” lngeborg Drewitz, die pessimistische Optimistin, die begründet Hoffende, die sich ihre Kraft zur Veränderung nicht von resignationswütigen Kleingläubigen nehmen ließ, glaubte: “Man kann!” Worte sind eine Möglichkeit, sich der Realität zu nähern. Schreibend kann sich einer seiner selbst vergewissern. Schreibend kann er Auskunft einholen über sich selbst, kann protestieren, informieren, sich ausdrücken, Echo abfordern, den Widerstand gegen das geplante Schweigen organisieren, gegen bürokratische Willkür und institutionelle Trägheit. Schreiben kann Ventil sein, Mutprobe, Aufschrei, Stabilisierungsmoment, Hinweis auf die Existenz, Notruf, Appell, Warnung, Kontaktfaden, Überlebenstraining.
“Die Zahl der Gehandicapten in unserer Gesellschaft”, so Ingeborg Drewitz' Prämisse, diese Zahl “ist groß, viel zu groß. Es gibt erschreckend viele unter uns, die nie gelernt haben, sich auszudrücken, sich "frei" zusprechen, ihre legitimen Bedürfnisse anzumelden und einzuklagen, ihr Recht zu fordern … Sie leben in Fallen, straucheln, wehren sich unangepaßt, versuchen den aufrechten Gang und stolpern zu oft über immer wieder sich vor ihnen auftürmende Barrieren. Kann man das ändern, können wir das ändern?”
“Schreiben im Gefängnis”: Ingeborg Drewitz wußte sehr wohl auch um die Risiken dieses Konzepts - und dennoch fragte sie sich immer zuallererst: “Ist es ein Versuch … , Ersatztherapien zu schaffen? Oder ein Prozeß, der die Entmündigten der Gesellschaft zur Mündigkeit, zur Selbstartikulation führt? Ein Prozeß auch, der öffentlich macht, was öffentlich sein sollte: daß die in der Haft unseres Vertrauens, nicht aber unserer Verachtung bedürfen; daß ihr Scheitern und unser Scheitern vielleicht graduell verschieden sind, weil wir entweder aus sozial stabileren Familien kommen oder befähigter sind, uns einzufügen, anzupassen, unsere Leidenschaften zu kontrollieren; weil wir uns den Zweifel an moralischen Kategorien nicht gegönnt haben; weil wir mehr Glück hatten (Glück als Chance, uns zu behaupten, verstanden); und vielleicht auch, weil wir uns besser durchzumogeln verstanden haben.”
Erich Fried am 11.1.87 in der Berliner Akademie der Künste, Ingeborg Drewitz' gedenkend: ” … an Ingeborg Drewitz denken heißt auch, sich nicht nur in Gedanken an den Tod verlieren, der natürlich ohnehin das Fremdeste und schlechthin Unfaßbare für uns bleibt, sondern auch daran zu denken. wie Ingeborg Drewitz gearbeitet und gekämpft hat: gegen den Untergang in einem neuen Krieg und gegen den Untergang von Menschen in unserer Gesellschaft, gegen den Untergang von Gefangenen, gegen den Untergang von kaum geduldeten Ausländern, gegen den Untergang von allen, die durch Ausweisung oder durch Einweisung, durch Atomkrieg oder durch die Form unseres Friedens, der keiner ist, zum Untergang hingedrängt und von diesem Untergang bedroht werden. Und an Ingeborg Drewitz denken heißt: diese Arbeit, diesen Kampf, in dem sie uns jetzt bitter fehlt, fortsetzen … !”
Mit dem Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis sollen zum einen Inhaftierte motiviert und unterstützt werden ihre Situation literarisch zu verarbeiten. Zum anderen soll den Texten von Gefangenen mehr Öffentlichkeit verschafft und damit die kritische Auseinandersetzung mit dem Strafvollzug gefördert werden.
Der Literaturpreis wird mit dem Namen der verstorbenen Schriftstellerin Ingeborg Drewitz verbunden. Die Trägergruppen des Preises möchten so den unermüdlichen Einsatz und die hohen Verdienste von Frau Drewitz würdigen und bewahren helfen, die sie in der Straffälligenarbeit erworben hat. Die Einverständniserklärung der Familie Drewitz liegt vor.
Unter Gefangenenliteratur sind Texte zu verstehen, die in der Haft oder in Erinnerung daran geschrieben worden sind. Dabei ist der Begriff der Gefangenenliteratur möglichst weit zu fassen. Er umspannt neben literarischen Texten im engeren Sinne (Romane, Gedichte, Hörspiele, Theaterstücke, Essays usw.) auch journalistische Äußerungen in den verschiedenen Medien (Interviews, Dokumentationen, Radiofeatures usw.). Es können deutschsprachige Texte oder Textsammlungen ausgezeichnet werden, die von einzelnen oder Gruppen verfasst worden sind. In der Regel werden bislang unveröffentlichte Texte ausgezeichnet.
Neben den genannten Texten können auch ausgezeichnet werden:
Einzel- und Gruppenarbeiten, die außerhalb des Wettbewerbs eingereicht
worden sein können. Es können ferner bereits publizierte Texte mit dem
Ziel prämiiert werden, ihnen eine größere Öffentlichkeit zu
verschaffen (z.B. herausragende Gefangenenzeitungen und
Dokumentationen)
Alle drei Jahre wird ein Wettbewerb mit einem Schwerpunktthema und bestimmten Textformen ausgeschrieben. Die Preisverleihung fand erstmals im Dezember 1989 in Hamm statt, danach 1992 in Dortmund, 1995 in Leipzig, 1999, 2002, 2005 und 2008 in Dortmund, 2011 in Bremen und 2015 in Dortmund.
Die eingereichten Texte werden von einer Jury begutachtet und die besten ausgewählt. Die Jury setzt sich aus mindestens sechs Personen zusammen. Neben zwei Autorinnen/ Autoren, die selbst als Betroffene gelten können, da sie inhaftiert sind oder waren, gehören ihr weitere Personen an, die im Bereich der Literatur und/ oder Publizistik gearbeitet und sich auch thematisch bereits mit Strafvollzug und Strafverfolgung befasst haben. Sollte ein Jurymitglied eigene Texte zur Bewertung einbringen, werden sie unter Ausschluss des Mitglieds behandelt.
Die ausgezeichneten Arbeiten werden in einer Anthologie veröffentlicht
und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bisher wurden
die ausgezeichneten Beiträge in folgenden Anthologien
veröffentlicht:
»Risse im Fegefeuer« (Hagen: Reiner Padligur 1989)
»Fesselballon« (Münster: edition villon 1992)
»Gestohlener Himmel« (Leipzig: Thom 1995)
»Wenn Wände erzählen könnten« (Münster: agenda 1999)
»Nachrichten aus Anderwelt« (Münster: agenda 2002)
»Nichts beginnt, Nichts passiert. Nichts endet.« (Münster: agenda
2005)
»Geräusche der Nacht« (Münster: agenda 2008)
»In jeder Nacht lacht der Teufel leise« (Oberhausen: assoverlag
2011)
»Gemeinsam einsam« (Münster: agenda 2015)
»Begegnungen in der Welt des Widersinns« (Zell: Rhein-MoselVerlag
2018)
"Gewitter hinter Gittern 2021" (Rhein-Mosel Verlag 2022)
Die Jury kann einen Sonderpreis für Werke von Autorinnen besonderer literarischer Qualität oder öffentlicher Brisanz vergeben. Dieser Sonderpreis kann auch einer nicht inhaftierten Person zugesprochen werden, die sich durch besonderes Engagement für Inhaftierte ausgezeichnet hat. Der Sonderpreis wird analog zum Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis überreicht.
Dem Förderkreis des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises können natürliche und juristische Personen per Erklärung angehören. Die Aufgabe des Förderkreises besteht zum einen darin, per nomen den Preis aufzuwerten, zum anderen unterstützend im Rahmen der jeweiligen persönlichen Möglichkeiten zu wirken (z.B. Hilfe bei der Finanzierung, Problemintervention bei Zensurversuchen durch Justizvollzugsanstalten/ -organe, Erstellen von Öffentlichkeit etc.).
Der TrägerInnenkreis bemüht sich, für jede Preisvergabe eine Persönlichkeit des kulturellen oder öffentlichen Lebens zu gewinnen.