Mit dem lngeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene werden alle drei Jahre Autoren und Autorinnen ausgezeichnet, die auf eindrückliche Weise ihr Leben in Haft zu Papier gebracht haben. Die nunmehr fünfte Ausschreibung stand unter dem Motto “Hoffnung”. Doch die Texte, die daraufhin eingingen, erzählen eher von einer mühsamen und oftmals vergeblichen Suche nach Lichtblicken, vom Festhalten am sprichwörtlichen Strohhalm, von falschen Hoffnungen und drohender Verzweiflung. Gleichwohl machen die in dieser Anthologie erstmals veröffentlichen Texte - Erzählungen, Dokumente, Gedichte, Gebete, ein Theatestück und ein Romanauszug - deutlich, wie wichtig eine Perspektive in der Haft ist: als Halt in der gegenwärtig bedrückenden Situation und als “Vor-Schein” einer besseren Zukunft.
Mit einem Geleitwort und Gedichten von Birgitta Wolf
agenda
Verlag, Münster 2002.
ISBN: 3-89688-097-7
Zum Geleit
Birgitta Wolf:
Gegen das Verstummen S.7
Gedichte eines Lebens S.11
Editorische Notiz
Heinz Müller-Dietz: Zum Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis 2002 S.18
Prämierte Texte
Kenny Berger: Mörderkind S.23
Sabine Bomeier: Hoffnung - wo bist du? S.54
Reiner Grünter: X2 - Ein Schauspiel S.57
Reinhardt Iben: Am Fenster S.79
Ines Klug: Mutters Brief S.88
Das Bett der Sonne S.90
Der falsche Frühling S.92
Mein Herbst S.94
Klaus-Peter Lippert: Hoffnung? S.96
Ivo Moran Albonico Gasparotto: Die Möwe S.97
Helmut Pammler: Aber du S.101
Stefan Radzewitz: Hans im Vollzug S.102
Ali Schirasi: Hoffnungen ohne Ende. Erinnerungen aus dem Gefängnis,
Iran S.106
Helmut Zobel: Der Tod der Hoffnung S.115
Marcel Zuber: Herr, höre mein Gebet S.118
Nachwort
Nicola Keßler: Texte aus dem Gefängnis -
Annäherungen an ein literarisches Feld S.120
Anhang
Die Autorinnen und Autoren S.143
Liste aller TeilnehmerInnen S.147
Die Jury S.150
Satzung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene S.153
Birgitta Wolf
Gegen das Verstummen
Neben mir auf dem Schreibtisch liegt ein Manuskript intensivster Art. Es sind literarische Beiträge von Menschen, die als Strafe für Fehlhandlungen Jahre, manchmal auch Jahrzehnte, in einer völlig abnormen Situation leben.
Manche haben keinen Kontakt zur Außenwelt, sind aufgegeben worden, auch von Freunden und der Familie. Keine Stimme zu haben, nicht gehört zu werden, abgeschrieben zu sein, ist ein sinnloses Leben. Viele Menschen stumpfen ab, finden keine Worte mehr, werden immer stiller, resignieren, schweigen. Andere ersticken fast in der Menge von Worten, die in ihnen brodeln, oft chaotisch werden. Auch die Worte sind eingesperrt und werden nicht gehört.
Aus meinen Erfahrungen damit, wie man in der Nazizeit mit Gefangenen umging, zog ich Konsequenzen und wurde selbst tätig. Noch in der Nachkriegszeit war es so, dass man in den ersten sechs Monaten in einem Zuchthaus überhaupt nicht schreiben durfte. Manchmal konnte ich ein Stück Papier und einen Bleistiftstumpen hineinschmuggeln. Aber ich vergesse nicht, was mir ein junger Mensch aus dem Gefängnis Bernau damals erzählte: Als endlich sein Entlassungstag kam, wurden die Gedichte, die er geschrieben hatte, bei der Kontrolle seiner Sachen entdeckt und vor seinen Augen vernichtet.
Der Erfolgsverfasser Henry J., Zuchthausgefangener in Bruchsal, schrieb sein erstes Buch zum großen Teil auf Toilettenpapier. Dieses gab es nicht in Rollen, sondern wurde, um “Missbrauch” zu verhindern, nur zu je 3 Stück pro Gefangener und Tag verteilt, was Notsituationen entstehen ließ. Als der damalige Strafanstaltspfarrer Dr. Hans Kühler von den Schreibaktivitäten Henry J. erfuhr, schmuggelte er Papier in seine Zelle. Dadurch konnten die Bücher entstehen. Drei davon, die im Desch-Verlag erschienen, waren betitelt: “Die Festung” (1962), “Rebellion der Verlorenen” (1963) und “Die bestrafte Zeit” (1964).
Wie mir gesagt wurde, bezahlte Henry J. von den Honoraren nicht nur seine Gerichtskosten, sondern beglich auch die Schulden, die durch seine Taten entstanden waren.
Pfarrer Kühler aber, ein feiner, bescheidener Mensch, der sein Christentum nicht nur predigte, sondern lebte, wurde bestraft und ausgestoßen aus dem Bund der Deutschen Strafvollzugsbediensteten. Erst als ich später dem Präsidenten des Justizvollzugsamtes Köln und Präsidenten des Bundes der Strafvollzugsbediensteten, Dr. jur. Werner Ruprecht - ein äußerst sympathischer und wohlwollender Helfer! -, davon berichtete, hat sich dieser im Namen seiner Organisation bei Pfarrer Kühler entschuldigt und die Strafmaßnahme des Bunds zurückgezogen. Ob Pfarrer Kühler darauf einging, weiß ich nicht, aber ich glaube, allein schon die Entschuldigung und das Rehabilitierungsangebot haben seinem Herzen gut getan.
Ich war immer dafür, dass wir, die wir keine Repressalien zu fürchten
haben, die Strafvollzugsbehörden und die Öffentlichkeit über die
Missstände in den Gefängnissen unterrichten sollten. So entstand 1963
bei Rütten & Loening in Harnburg mein erstes Buch über meine
Erfahrungen mit Jugendlichen und deutschen Gefängnissen unter dem
Titel “Die vierte Kaste. Junge Menschen im Gefängnis. Literarische
Dokumente” (gewidmet dem Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer, in
Dankbarkeit, dass es ihn gibt in der deutschen Justiz). Und es folgten
weitere Veröffentlichungen, wie das 1968 im Langewiesche-Brandt Verlag
erschienene Buch “Aussagen. Briefe von Strafgefangenen” (schwed.: “Det
Stulna Livet”). Und plötzlich waren die Probleme des Strafvollzuges
und die der Strafgefangenen ein Thema. Endlich sollten wir ein Gesetz
bekommen, das die Rechte der Strafgefangenen schützte. So weit, so
gut. Ich befürchtete aber, dass im Zuge der Gesetzgebung interne
Hausstrafen. die bis dahin nur durch die Deutsche Dienst- und
Vollzugsordnung geregelt waren, von bloßen Anordnungen zu gesetzlich
festgelegten Maßnahmen zementiert würden. Ich dachte zum Beispiel an
die Disziplinarstrafe in den Gefängnissen, die aufgrund einer
Beleidigung in Erregung in Kraft treten konnte. Eine häufig verhängte
Disziplinarstrafe war das Schlafen ohne Matratze, also auf hartem
Lager, bis zu einer Woche, bei gleichzeitiger Schmälerung der Kost.
Mir wurden damals eine Reihe von Fällen bekannt, in denen dieser
“verschärfte Arrest” mit kleinen Unterbrechungen wochenlang
durchgeführt wurde. Und das Schlimmste: Es sind solche Strafen auch an
Frauen vollzogen worden, die schwanger waren oder ein Neugeborenes im
Gefängnis stillten. Wortlaut in Paragraph 186,2 der damaligen
Deutschen Dienst- und Vollzugsordnung:
“Soll gegen einen
Gefangenen, der ärztlich behandelt wird oder der nach dem Gutachten
des Arztes geistig abartig ist, oder gegen eine schwangere oder
stillende Frau oder gegen eine Frau, die in den letzten drei Monaten
geboren hat, eine Hausstrafe der im Absatz 1 genannten Arten verhängt
werden, so ist die schriftliche Stellungnahme des Anstaltsarztes
einzuholen.” Und ich fragte mich: “Was ist, wenn der Arzt von der
Gefangenen beleidigt wurde?”
Um mir Gehör zu verschaffen, bin ich in einen vierwöchigen absoluten Hungerstreik getreten. Auf dem Wege von Gefängnisbesuchen, Vorträgen, Zeitungsartikeln und Diskussionsabenden machte ich mein Anliegen öffentlich und hoffte, ein bisschen daran mitzuwirken, dass diese mir kriminell erscheinende Strafe abgeschafft wurde. Ich hungerte nicht für eine besondere Gruppe unter den Gefangenen, ich hungerte für alle Gefangenen in der Bundesrepublik und sprach privat und außerhalb der deutschen Delegation auf einem internationalen Kongress über die Behandlung von Strafgefangenen der UNO in Genf über die Folgen von Disziplinarvergehen in deutschen Gefängnissen.
Es hat mir sehr viel Mut gemacht, dass eine solche Einzelaktion auf die Richtlinien der UNO Einfluss hatte und in die Überlegungen um die deutsche Gesetzgebung Eingang fand. Ich habe diese Episode heute nur erzählt, um zu zeigen, dass es erfreulicherweise in Deutschland nicht ganz chancenlos ist, wenn Gefangene von Einzelpersonen oder Gruppen unterstützt werden. Ohne Anerkennung und ohne Unterstützung ist die Lage in den Gefängnissen erdrückend. Bei den allein gelassenen Gefangenen entsteht das Gefühl, dass sich niemand in der Freiheit dafür interessiert, was sie empfinden, denken, schreiben und erzählen. Kaum jemand fragt nach dem Urteil: “Wie entstand die Tat? Kann ich etwas für diesen Menschen tun, damit er durch den Gefängnisaufenthalt nicht desperater und dadurch noch gefährlicher wird?”
Ich meine, der Trägerkreis des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für
Gefangene leistet einen großen Dienst für uns alle. Und ich gebe gerne
zu, dass ich, obwohl ich auf dem gleichen Gebiet arbeite (wenngleich
mit einem etwas anderen Ansatz) und in meinem Archiv Tausende Briefe
von Gefangenen lagern, heute Nacht nur wenige Stunden schlafen konnte,
weil ich von dem Material in diesem Buch völlig fasziniert war. Es ist
eine hervorragende Auswahl der Herausgeber und eine imponierende
schriftstellerische Leistung der Verfasser. Ich will mir keinesfalls
erlauben, irgendeine literarische Rangordnung festzulegen, denn jeder
Beitrag ist ein menschliches Dokument, das man zutiefst respektieren
muss. Dass einige davon außerdem ein hohes, literarisches Niveau
haben, weckt in mir den Wunsch, dass diese Talente weiterhin von der
Dokumentationsstelle Gefangenenliteratur der Universität Münster und
vom professionellen Literaturbetrieb unterstützt werden, denn ich
möchte mehr von ihnen lesen, am liebsten in jeder Buchhandlung ein
Buch von ihnen kaufen können.
In Respekt
Birgitta Wolf, Murnau, im Februar 2002
Kenny Berger
Mörderkind
S. 23 - 53
Klaus-Peter L.
Hoffnung?
S.96
Helmut Pammler
Aber du
S.101
Marcel Z.
Herr, Höre mein Gebet
S.118-119