“Wenn Wände erzählen könnten…” - So lautet das Motto des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene 1999. Was wirklich im Knast geschieht, weiß draußen kaum jemand. Die prämierten Texte berichten vom Leben hinter den Mauern, von Gefühlen, Hoffnungen, Träumen, Sehnsüchten und Ängsten. Sie geben Aufschluß über Mißstände in der Haft und über Versäumnisse der Justiz, der es offenbar nicht gelingt, die Forderungen des Gesetzes einzulösen. In den von einer namhaften Jury ausgezeichneten Erzählungen, Gedichten, Erfahrungsberichten und Tagebuchaufzeichnungen werden mannigfaltige Formen von Widerstand sichtbar. Die Texte sind anregend und provozierend - für die Autorinnen und Leserinnen gleichermaßen.
Wenn Wände erzählen könnten
Geleitwort von Martin
Walser
agenda Verlag, Münster 1999.
ISBN: 3-89688-062-4
Zum Geleit
Martin Walser: Sich schreibend behaupten S.9
Anmerkungen eines Jury-Mitglieds
Heinz Müller-Dietz: Zu einer eigenen Stimme verhelfen S.12
Editorische Notiz
Helmut H. Koch: Zum Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene 1999
S.16
Prämierte Texte
Kenny Berger: Kalter Rauch S.21
Harry Buttersooner: Persona non grata S.35
Frank Giesen: Und morgen ist Weihnachten S.35
Manfred Grübener: Stumpfes Brüten S.40
Für diese Wahrheit S.41
Du gibst mir S.42
Karl Grund: Die Gemeinschaftszelle S.43
Metin Günes: Schreibend sterben S.49
Das geschärfte Empfinden S.54
Karl Hohenstein: Heute brach mein Herz aus Stein S.58
Ivan Jelinic: WENN Wände erzählen könnten … S.79
Rafael Johna: FREIHEIT S.84
IRRWEG S.85
EUPHEMISMEN S.86
Samuel Klemm: Bruchstücke S.87
Herm Klingstedt: Das Schloß am Ende der Straße S.88 Gitter S.91
Willfried Küster: März 1986 Bautzen S.94
Hans Jörg Mäder: Gemeinsam einsam S.101
Frakturen eines Tagebuchs S.102
Dieter Müller: Der Alte S.107
Rosemarie Müller: Was ist hier los? S.115
Jan Reisner: meiner zelle gegenüber S.121
auge um auge S.122
Christian Schulz: Ankunft in Torgau S.123
N. N. Schwarz: gespräch S.131
ramòn S.132
anliegen an den direktor S.133
Ralf-Axel Simon: Die Legende von Paul und Rosa S.135
Peter Wassmann: NACHT S.160
Dieter Wurm: Grobi S.164
DER HÄNGER S.166
Pjerin Zefi: Die Klage der Adler S.167
Ingeborg-Drewitz-Sonderpreis
Redaktion ULMER ECHO: Wodurch wird Untersuchungshaft zur Folter?
S.173
Die Autorinnen und Autoren S.201
Liste aller Teilnehmerinnen S.208
Die Jury S.211
Satzung des Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangene S.213
„Je länger er in der Isolationszelle saß, um so mehr fürchtete er die Wand mit der Tür. Die Fensterwand hingegen redete Klartext. Sie schenkte ihm ein Stückchen Himmel, zuweilen einen Vogel, der unter den Wolken durchsticht, und nächtens ein paar Sterne. Das vergitterte Loch in der Wand erinnerte Olaf beständig daran, daß die Welt groß und seine Zelle klein war. Die dicken Eisenstäbe unterlegten die Botschaft von Leben und Freiheit mit einer sarkastischen Note. Im Krieg, so dachte Olaf, kommt das Ende in Form von Eisen ins Fleisch. Im Zuchthaus erstickt das Eisen die Seele.”
Martin Walser
Sich schreibend behaupten
Ein Gedicht in diesem Buch, geschrieben von N.N. Schwarz, hat den
Titel »Gespräch«.
Bestritten wird dieses »Gespräch« in vier Zeilen von zwei Stimmen.
ich schreibe gedichte
um nicht verrückt zu werden
wenn du gedichte schreibst
bist du schon verrückt.
Die bei Lesern beliebte, bei Autoren weniger beliebte Frage, wie
autobiographisch etwas Geschriebenes sei, wird bei Autoren, die im
Gefängnis schreiben, unversehens sinnvoll. Man möchte ja viel zu
schnell annehmen, daß Gefangene, die schreiben, sich ihre Sätze eher
von der Lebenslage diktieren lassen als die allen möglichen und
eingebildeten Freiheiten ausgesetzten Autoren draußen. Die gefangenen
Autoren schreiben gegen ihre Lage an, aber nicht dadurch, daß sie
einfach abbilden oder nacherzählen. Wenn auf knapp 5 Seiten 45
Haftjahre erzählt, ja, ausgedrückt werden, so lakonisch schaurig wie
herzzerreißend prägnant und auch noch poetisch, dann kann das wohl
kaum durch eine Imitation der Wirklichkeit gelingen, sondern eben
durch nichts als Einbildungskraft. »Persona non grata« überschreibt
Harry Buttersooner die 5 Seiten über die 45 Haftjahre. und so fängt er
an: »Olaf Perle hat viele Menschen getötet in seinem Leben. Die
meisten davon im Krieg, aber das zählt nicht. Was zählte, war der Tod
eines Studenten, der Olafs Mädchen während einer Feier zur Gründung
der Bundesrepublik unter den Rock gefaßt hatte.. Nach zwei Jahren Haft
hat Olaf gelernt, »sich mit seinen vier Wänden zu unterhalten. Er fand
heraus, daß jede eigene Geschichten erzählte und ihr eigenes Gesicht
hatte.« Ohne solche Einbildungskraft bliebe wahrscheinlich nach 45
Jahren von einem Menschen nichts übrig, was noch diesen Namen
verdiente.
Wenn jemand aus der Justiz diese oft grausam hart daherkommenden Texte
liest und vielleicht sagt: Was hier über den Strafvollzug geschrieben
wird, entspricht nicht der Strafvollzugspraxis. so geht es in den
Gefängnissen nicht zu!, dann wäre ihm zu antworten: Aber daß überhaupt
solche Texte von Gefangenen geschrieben werden, das sagt viel über den
Strafvollzug. Die Gefangenen schreiben nicht über den Strafvollzug,
sondern gegen ihn. Sie müssen sich behaupten gegen die Bedingungen.
Was ihnen dazu einfällt, ist zwar ganz und gar Gefangenenstoff, aber
was sie aus diesem Stoff machen, ist meistens nicht mehr Bericht,
sondern Entgegnung. Gut, oft ist es vielleicht Zusammenzählen dessen,
was am meisten wehtut. Aber eben so oft ist es der Versuch, sich im
krassen Ausdruck gegen die krasse Situation zu behaupten. Sprachlich
darüber zu stehen. Spüren, daß man, wenn man unter der Einwirkung der
Knastbedingungen schreibt, über diese Bedingungen Herr wird. Und das
wird man weniger durch Bericht über den Knast als durch den Ausdruck
dessen, was der Knast aus einem gemacht hat. Der Leser spürt den
Willen zur Form unter fast gar allen Umständen.
»Heute brach mein Herz aus Stein« heißt eine Erzählung von Karl H. Ein
Gefangener muß beziehungsweise darf mit einer »tonnenschweren
Stahlbirne« ein Gefängnis zerschlagen, in dem er selber gesessen hat.
In einer vollkommen schönen Fügungsfolge rettet er dabei das Tagebuch
eines anderen Gefangenen davor, noch von irgendeinem Menschen gelesen
zu werden. Eine wirklich romantische Fügung, die dadurch, daß sie
einem romantisch vorkommen darf, nichts von ihrer Härte verliert. Der
Leser erlebt in der hochformalisierten Zertrümmerung der früheren
Haftanstalt die Stärkung des Bewußtseins beziehungsweise der Seele des
Gefangenen, wenn der, als Schreibender, seine eigene
Ausdrucksfähigkeit, also seine Antwortfähigkeit erlebt. Der Gefangene
gibt zurück. Er ist, solange er schreibt, nicht nur Objekt des
Strafvollzugs, sondern Subjekt seiner Geschichte. Solange er schreibt,
ist er Herr des Verfahrens. Und manchmal kommt da staunenswerte
Literatur zustande, die man liest, ohne noch an den Knastbonus zu
denken.
Schreiben, um nicht verrückt zu werden, aber ahnen, daß du schreibend
schon eine Welt voraussetzt, die dich wahrnimmt, dir zuhört, dich, wie
du es verdienst, achtet, und das ist eine verrückte Voraussetzung.
Der, der sein Dasein ganz dieser Voraussetzung ausliefert, ist
zumindest kein ganz gewöhnlicher Gefangener mehr. Einfach durch diese
Notwendigkeit, sich in den Ausdruck zu retten, anstatt sich einfach
verwalten zu lassen, bis die Knastuhr abgelaufen ist.
Aber jetzt habe ich das sinnstiftende Gedicht, das »Gespräch« benannt
ist, doch zu verständnissüchtig ausgeschlachtet. So wie es da steht,
hält es eine schöne, eine vollkommen wirkende Balance. Daß ausgedrückt
ist, was es heißt, im Knast zu schreiben beziehungsweise überhaupt zu
schreiben, dieser Sinn entsteht nur, wenn wir beide im Gedicht laut
werdende Stimmen zugleich hören, in ihrem Widerspruch bestehen lassen
und nicht eine klüger sein lassen wollen als die andere. Die
Widerspruchsspannung muß erhalten bleiben.
Bei Hölderlin heißt es:
»Viel hat erfahren der Mensch …
Seit ein Gespräch wir sind
Und hören können von einander.«
Hören wir diesem »Gespräch« dauerhaft zu:
ich schreibe gedichte
um nicht verrückt zu werden
wenn du gedicht schreibst
bist du schon verrückt.
Aus “Wenn Wände erzählen könnten” Geleitwort Martin Walser. IDP 1999.
agenda Verlag. Münster Redaktion Ulmer Echo Gabriele P.Aus “Wenn Wände
erzählen könnten” Geleitwort Martin Walser. IDP 1999. agenda Verlag.
Münster Redaktion Ulmer Echo
Gabriele P.
Wodurch wird Untersuchungshaft zur Folter?
S. 173 - 200
Harry Buttersooner
Persona non grata
S. 29 - 34
Herm K.
Das Schloß am Ende der Straße
S. 88 - 90
Herm K.
Gitter
S. 91 - 93
Wilfried K.
März 1986 Bautzen
S. 94 - 100
Jan R.
meiner zelle gegenüber
S. 121
Jan R.
auge um auge
S. 122
N. N. Schwarz
gespräch
S. 131
N. N. Schwarz
anliegen an den direktor
S. 133 - 134